6. Januar 2016
Trotzdem weiterleben

Daniel Comte

Fotografien halten den flüchtigen Augenblick fest. Dem 52-jährigen Daniel Comte, der vor einem Jahr die Diagnose Alzheimer erhielt, helfen sie über das Vergessen hinweg.

Ich bin hier Paradiesvogel und Hofnarr, ich liebe es, sie mit kleinen Spässen zum Lachen zu bringen.

«Villa Fantasie» nennt Daniel Comte das herrschaftliche Anwesen im Zürcher Schindlerpark. In den letzten Monaten ist sie ein Fixpunkt in seinem Leben geworden. Mehrere Male pro Woche besucht er hier ein Memory-Training – bis jetzt hat er den Weg immer gefunden. Für den 52-jährigen Fotografen, der mit seinem Berufskollegen Michèle Comte verwandt ist, wird das je länger, je weniger selbstverständlich sein: Daniel Comte ist an Alzheimer erkrankt. Manchmal weiss er plötzlich nicht mehr, wo er ist und was als Nächstes kommt. Fachleute umschreiben solche Momente der kompletten Desorientierung mit «Filmriss».

Absturz in die Sozialhilfe
Doch an diesem sonnigen Herbstmorgen nimmt alles seinen gewohnten Gang: Freudig begrüssen ihn seine psychisch kranken Kollegen, denen das Schweizerische Rote Kreuz des Kantons Zürich in der «Villa Vita» Tagesstrukturen bietet. Die Aktivierungsprogramme samt Mittagessen besuchen ältere Menschen, die durch alle sozialen Maschen gefallen sind und hier wieder Kontakte knüpfen können. Comtes lakonischer Humor, sein Sprachwitz und sein sonniges Gemüt holen sie aus ihrer Lethargie. «Ich bin hier Paradiesvogel und Hofnarr, ich liebe es, sie mit kleinen Spässen zum Lachen zu bringen», sagt der hochgewachsene Mann in bedächtigem Berner Dialekt. Auf seinem schwarzen T-Shirt prangt die weisse Inschrift «creativity is my weapon».

Rätselhafte Krankheitssymptome
Dass auch er dereinst in einer sozialpsychiatrischen Einrichtung für Menschen am Rand der Gesellschaft landen würde, hätte der erfolgreiche Werbefachmann und Fotograf früher als schlechten Scherz abgetan. Comte, der nach einer Grafikerlehre und der Kunstgewerbeschule zum Exekutive Creative Director in renommierten Werbeagenturen aufstieg, mit international bekannten Fotografen wie Richard Avedon zusammenarbeitete und für seine Aufträge rund um den Erdball flog, bewegte sich stets in gutsituierten Kreisen. «Dann spülte es mich aus diesem Zirkus heraus», berichtet er. Der Grund waren Krankheitssymptome, die lange rätselhaft blieben. 2012 wurde er arbeitslos, später ausgesteuert. Als sein Vermögen aufgebraucht war, blieb ihm nichts anderes übrig, als Sozialhilfe zu beantragen. «Das war schrecklich», sagt er.

Die Diagnose Alzheimer erhielt er erst vor einem Jahr, nach einer Untersuchung der Rückenmarkflüssigkeit. «Es verschlug mir die Sprache», erinnert sich Comte, der trotz fortgeschrittener Krankheit im Gespräch mit der Journalistin nie den Faden verliert. Für viele Menschen ist die Vorstellung unerträglich, die Selbstbestimmung zu verlieren und im Lauf des degenerativen Prozesses nurmehr einige Kindheitserinnerungen zu haben. Wie geht er damit um? «Niemals wäre mir in den Sinn gekommen, zu Exit gehen – es gibt so viel Schönes», lautet seine entschiedene Antwort.

Das schwarze Buch
Comte ist eine Kämpfernatur. Seine Schwester starb mit 6, seine Mutter mit 30 Jahren. Jetzt erst recht, sagte er sich, auch als er seinen Vater verlor, in dessen Stapfen er beruflich getreten ist. Diesem Motto bleibt er treu. Und er hat seine Strategien gegen die Vergesslichkeit gefunden: Stets hat er ein grosses schwarzes Buch dabei, «mein papierloses Büro», wie er schmunzelnd kommentiert. Darin sind alle Termine sowie Daten und Titel der neusten Fotografien in steiler Schrift notiert. Ins schwarze Buch schreibt er auch seine Mails, um sie dann ins Handy zu tippen. Bei Problemen kann er seinen ältesten Sohn, ebenfalls ein Grafiker, jederzeit anrufen. «Er ist mein Coach. Wenn ich ihn brauche, ist er innert einer Viertelstunde bei mir.» Auch von den beiden jüngeren Söhnen fühlt er sich getragen.

Sein allertreuster Begleiter ist jedoch immer noch seine Kamera, sein «verlängerter Arm» wie er sagt. Auch an diesem Freitagmorgen hat er sie dabei. Voller Begeisterung zeigt er Fotografien von Istanbul, wo er kürzlich war. Sie erinnern ihn an Gerüche, an den Ruf der Muezzin und an Szenen vor der blauen Moschee. Auch einige Abzüge seiner wichtigsten Bilder hat er mitgebracht, allesamt in Schwarz-Weiss. Da ist etwa ein alter Herr im Gegenlicht, der im Begriff ist, an einem Brunnen am Bellevue zu trinken. Das perfekt komponierte Bild zeugt wie auch seine neusten Fotografien von grossem Können. Comte bezeichnet sich als Street-Photographer. Er könne eine halbe Stunde hinter einer Hecke ausharren, bis die zufällig vorübergehende Person der Bildarchitektur in seinem Kopf entspreche und er abdrücken könne.

Auf Diane Keatons Fersen
Sein grosses Vorbild ist René Burri, den er kurz vor seinem Tod als Letzter fotografieren konnte, wie er stolz berichtet. Am liebsten heftet er sich an die Fersen von Promis, etwa am Zürcher Filmfestival. Gelungen ist ihm eine Aufnahme von Diane Keaton aus unmittelbarer Nähe. Dieses Bild wird im Rahmen einer Fotoausstellung im Theater Rigiblick zu sehen sein, die ihn momentan auf Trab hält. Sie wird organisiert vom kantonalen Roten Kreuz, das sich über die Aktivierungsprogramme hinaus für seine psychisch kranken Klienten engagiert. Comte ist dankbar. Seine Ärztin konnte ihm keine Medikamente verschreiben, weil es gegen Alzheimer keine gibt. Aber sie empfahl ihm ein Memory-Training in der Villa Vita. Der Ort inspiriert ihn. An die Zukunft denkt er nicht: «Ich will sie nicht vorwegnehmen und mich nicht mit Dingen konfrontieren, die vielleicht nicht kommen. Ich bin glücklich.» Was zählt, ist der Augenblick.

Quelle
Dorothee Vögeli schrieb diesen Artikel am 3. Oktober 2015 für die Neue Zürcher Zeitung.

  • Karine & Oliver

  • Dorothee Vögeli

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