Weiss Kreuz Malans

4. Mai 2017
Die Mär von selbstloser Gastfreundschaft

Klartext reden

Über Gastfreundschaft wird massenhaft geschrieben und ziemlich viel geredet. Oft, und das verwirrt mich zuweilen, auch einiges falsch verstanden. Oder zumindest unzutreffend ausgelegt. Das hat mit der Geschichte zu tun und damit, dass gelegentlich vergessen wird, kulturelle und kommerzielle Blickwinkel voneinander zu trennen. Mit einem Augenzwinkern auf unser Gewerbe versuche es trotzdem mal:

Anno dazumal begann alles mit Handelsreisenden und Pilgern. Auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf und etwas Essbarem klopften sie an fremde Türen und hofften auf Gastfreundschaft. Ein Wunsch notabene, der in jenen Zeiten tatsächlich ohne Entgelt erfüllt wurde. Heutzutage, wo wir es mit einem globalen, milliardenschweren Wirtschaftszweig zu tun haben, kaum mehr denkbar. Damals aber war Gastfreundschaft eine aus der Tradition gewachsene Selbstverständlichkeit. Und eine Frage der Gegenseitigkeit. Man erhoffte sich, unter ähnlichen Bedingungen, ebenfalls Gastfreundschaft.

Nicht schönreden, sondern einsehen
Zwischenzeitlich haben sich sowohl Denkhaltung wie auch Motive radikal verändert. Zwar reden wir immer noch von Gastfreundschaft, geblieben ist auch die Absicht, dass sich der Gast wohlfühlen soll, wir reden jetzt aber nicht mehr über Gegenseitigkeit, sondern über Gegenleistung. Sprich, der Gast soll fürs Wohlfühlen bezahlen. Falsch ist daran im Grunde genommen nichts – trotzdem birgt dieses Vorgehen Konfliktpotenzial. In kurzen Worten: der Begriff bezeichnet heute eine reine Kosten-Nutzen-Rechnung. Das soll man nicht schönreden, sondern einsehen.

Zwischen Kultur und Kommerz unterscheiden
Ging es ehemals um Gegeneinladungen aus Gründen des Anstandes, der Höflichkeit und der Herzlichkeit, die in der Regel nicht darauf abzielten, einen Vorteil aus einer Situation zu ziehen, geht es heute haarscharf und faltenlos darum. Und zwar wechselseitig. Ware und Dienstleistungen gegen Geld. Punkt. Wir können dieser Faktizität nur die Kanten brechen, zumindest im Ansatz, wenn wir anerkennen, dass zwischen einer traditionellen Gastfreundschaft, die in der Kultur eines Volkes verankert ist, und einer professionellen Gastfreundschaft, wie sie in touristischen Unternehmen gelebt wird, zu unterscheiden ist.

Darlegen, was Sache ist
Aus den Reihen meiner Zunft werde ich für diese klaren Worte, so ist zu befürchten, keinen Applaus einheimsen. Das ist aber gar nicht so wichtig; weit bedeutsamer scheint mir, nüchtern darzulegen, was Sache ist. Nämlich, dass, wenn wir die obigen Zeilen sorgfältig lesen, im heutigen Wort «Gastfreundschaft» ein Widerspruch liegt, dem wir bewusst und reflektiert begegnen sollten. Und zwar beide, Gastgeber und Gast.

Über die Autorin
Iris Petermann wirtet im Gasthaus «Weiss Kreuz» in Malans.
Sie trägt Verantwortung für spitzenmässige Gastronomie und macht Ansagen mit Tiefsinn.

  • Karine & Oliver

  • Iris Petermann

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