Leo, der Publizist

5. März 2017
EDITORIAL

Probe aufs Exempel

Schon klar, es wird jetzt eine Menge Leute geben, die werden alles tun, teils mit kämpferischen Tönen und der Heftigkeit eines schimpfenden Primarlehrers, um meine Aussage «Telefonieren ist effizienter als Schreiben» zu entkräften. Ich sage das auch nicht pauschal. Bin aber überzeugt, dass meine Darstellung fallweise schon ihre Richtigkeit hat.

Man kann jetzt natürlich sagen, wer schreibt, muss erst mal seine Gedanken ordnen. Auf den Punkt bringen, was er will. Dem ist natürlich schon so. Doch wird dem auch Rechnung getragen? Ganz so sicher bin ich mir da nicht. Weil wir nämlich, der Technik sei Dank, an immer mehr Dingen gleichzeitig arbeiten. Darum schreiben wir in der Tendenz flüchtig und denken wenig. Mit Sicherheit lässt sich hingegen sagen, dass wir uns gegenseitig jeden Mist zusenden, sich die Menschen dabei bis zum Hals zuschütten und dadurch Wichtiges vergessen und verloren geht. Ganz einfach darum, weil keiner in der Lage ist, diese Flut an Informationen aufzunehmen. Geschweige denn, ernsthaft zu verwerten.

Hochgradiger Schwachsinn
Keine Frage, E-Mail und Konsorten sind in der modernen Kommunikation nicht mehr wegzudenken. Sagt ein unmoderner Mensch wie ich und sieht auch kein Problem darin, eine Anfrage, eine Bestätigung oder auch eine Aufforderung per E-Mail zu versenden und, je nachdem, eine Information per SMS weiterzuleiten. Doch damit hat es sich. Alles andere, man möge mir die harsche Wortwahl nachsehen, ist hochgradiger Schwachsinn. Insbesondere dann, wenn Absender und Empfänger auf digitalem Weg Problemstellungen, vertrackte Sachverhalte und Konflikte transportieren. Missverständnisse und Fehlinterpretationen sind dann so sicher wie das Amen in der Kirche. Die Konsequenz daraus dürfen Sie sich denken. Erfreuliche Fantasien werden das jedoch nicht sein.

Im Dialog herausfinden
Kürzlich wollte ich es genau wissen, habe darum die Probe aufs Exempel gemacht und musste feststellen, dass es bis zu zehn Mal länger dauert eine E-Mail zu schreiben als miteinander zu sprechen. Wie viel schlauer wäre es da doch, miteinander zu reden und die Hintergründe für ein Anliegen im persönlichen Gespräch zu erfahren. Auch den Auslöser für eine Verärgerung würde ich lieber im Dialog herausfinden als eine unsinnig lange Mail-Kette loszutreten.

Gefühle bleiben auf der Strecke
Zum Schluss noch dies: In der digitalen Welt bleiben Gefühle immer mehr auf der Strecke und ein Smiley wird einem Lachen aus dem Leben niemals das Wasser reichen können. Ein anständig geführtes Telefongespräch hingegen könnte uns Menschen wieder etwas näher zueinander bringen. Ein Anfang zumindest wäre es. Zumal ich davon überzeugt bin, dass wir das Zwischenmenschliche wieder etwas entdigitalisieren sollten. Wenigstens um eine Nuance.

  • Karine & Oliver

  • Urs Blöchliger

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