Leo, der Publizist

27. Mai 2016
Swiss Text Award 2016

Unverschämte Editorials

Was heisst Talent? Was heisst beseelt sein? Was heisst, ein Meister seines Faches zu sein? Die Antwort gibt uns die Arbeit von Urs Blöchliger. Der von sich selbst sagt: «Qualität kommt vom Wort Qual!» Eine Analogie, auf die man zuerst einmal kommen muss. Ob sie aber auch richtig ist? Kommt Qualität wirklich von Qual? Kommt Qualität nicht eher von Lust? Eine Antwort darauf gibt uns das Wort Leidenschaft. Niemand würde behaupten, dass erfolgreiche Berufsleute nicht Lust auf ihre Arbeit haben. Lust verspüren, während sie an ihrem Werk arbeiten. Schlicht: leidenschaftliche Menschen sind.

Doch gerade das Wort Leidenschaft gibt uns einen deutlichen Wink, warum leidenschaftliche Menschen erfolgreich sind. Weil sie bereit sind, für ihre Ziele zu leiden. Kurzum: Das Wort Qualität hat viel damit zu tun, sich zu quälen, genauso wie die Leidenschaft eine Begeisterung durchs Leiden meint.

Als ich das erste Foto von Urs Blöchliger sah, da ging mir durch den Kopf, dass der Urs besonders gerne leidet. Schliesslich sind seine Tätowierungen auch nicht gratis zu haben. Aber eben: Gratis ist eigentlich gar nichts im Leben. Schon gar nicht im Berufsleben.

Heute jedoch, im Zeitalter, in dem «jedermann» und «jedefrau» sich zum Superstar berufen fühlt, seit es Facebook gibt – in einer Zeit, in der die Casting-Gesellschaft sich nicht nur in der «Big Brother»-Sendung zelebriert, sondern in jeder Stube, jedem Schulzimmer und im überfüllten SBB-Zweitklasswagen … Ja, in dieser Casting-Gesellschaft ist der Glaube weit verbreitet, dass jeder und jede mit ganz wenig Einsatz ein ganz grosser Meister, eine grosse Meisterin sein muss …

Und dementsprechend haben wir heute unscharfe Fotos in Zeitungen, Radiomoderatoren, die nicht mehr zwischen Dialekt und Hochdeutsch unterscheiden können, und im Fernsehen Fussballmoderatoren, die genau das erzählen, was sowieso jeder Zuschauer mit eigenen Augen sieht.

Ohne Zweifel: Niemand möchte heute ernsthaft auf Facebook, Youtube und in seiner guten Stube auf seine 500 Fernsehprogramme verzichten. Diese neuen Medien haben unsere Welt ohne Zweifel interessanter gemacht. Ja, und wer will, kann auf Youtube dank Tausender hervorragender Lernvideos sich selber in Quantenphysik oder in Literatur weiterbilden. Doch einen grossen Nachteil hat unsere heutige explodierte Medienwelt: Sie hat unsere Welt beliebig gemacht.

Nicht so Urs Blöchliger: Seine Arbeit ist das pure Gegenteil von Beliebigkeit. Seine Arbeit ist höchst originell. Sie zeugt von der Liebe zum Detail. Zeugt von Interesse an seinen Interviewpartnern – und von grossem Einfühlungsvermögen, Kreativität und feinem Humor. Das alles präsentiert uns Urs Blöchliger seit 10 Jahren in seinem «Magazin Zürich». Einem Magazin für Belesene, die noch mehr wissen wollen. Für Kulturinteressierte. Für Feinschmecker. Für Tätowierte.

Das «Magazin Zürich» und sein Erfinder Urs Blöchliger sind in 10 Jahren zu einer Marke gereift. Und Marken liebt man. Und Marken hasst man. Denn gute Marken sind nicht nur bekannt und markant. Sie polarisieren auch. So auch Urs Blöchliger höchstpersönlich.

Denn so feinsinnig er seine Interviewpartner befragt, so direkt – ja, fast unverschämt – sind zuweilen seine Editorials. So wettert Urs Blöchliger im «Magazin Zürich» Nr. 12 über die Beliebigkeit heutiger Massenmedien:

«Was uns da täglich vorgesetzt wird, ist zwar weitgehend unter jeder Sau, hat aber eine immense Anhängerschaft. Millionen sehen regelmässig dabei zu, wie sich Teenager gegenseitig fertigmachen, B-Promis Ungeziefer fressen und notgeile Bauern von ihren Herzdamen verarscht werden. Und während in Foren darüber diskutiert wird, wer die geileren Brüste hat, die Katzenberger oder die Geiss, rückt die weniger unterhaltsame Frage, ob man nicht einmal etwas gegen die wachsende Armut im eigenen Land tun sollte, völlig in den Hintergrund. Und das, ehrenwerte Leserschaft, finde ich höchst problematisch.»

Originalton Urs Blöchliger

So ein Editorial würde heutzutage in einem etablierten Verlagshaus niemals gedruckt werden. Zu gross wäre die Angst, Werbegelder zu verlieren. Nicht so im Leo-Verlag, wo der Erfinder, der Verlagsleiter und der Chefredaktor immer der Gleiche ist. Urs Blöchliger – alias Leo! Ein Original und ein Beseelter. Beseelt von guten Texten, aussergewöhnlichen Fotos – und beseelt vom grossen Handwerk guter Magazin-Gestaltung. Seine Begeisterung muss ansteckend wirken. Wie sonst lässt sich erklären, dass viele Grössen aus der Modeszene, Politik und Wirtschaft, Prominente aus Sport und Kunst seit 10 Jahren immer wieder das «Magazin Zürich» besuchen und bereichern? Namen wie Eva Kyburz, Peter Riegger, Dieter Meier haben das «Magazin Zürich» zu dem gemacht, was es heute ist: eines der originellsten und schönsten Stadtmagazine der Schweiz.

Für diese grosse Leistung gewinnt Urs Blöchliger den Swiss Text Award 2016 in der Kategorie «Corporate Publishing». Ich – ja, wir alle hier – gratulieren ihm herzlich.

  • Karine & Oliver

  • Gaston Haas

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