Reportagen
Weltgeschehen im Kleinformat

Gestrandet: Bahnhof Mannheim

Gestrandet in Mannheim, mitten in einem irren Flashmob.

Es war der irrste Flashmob, der je eine deutsche Stadt bevölkerte. Vom Bahnhofsvor­­platz bis in die Fussgängerzone hatten sich seine Marscheinheiten ausgedehnt. An den Knien der jungen Männer schlotterten kurze Ho­-sen in Tarnfleckfarben. Auf ihren T-Shirts prangten pathosschwere Sprüche, etwa: «Lieber stehend sterben, als knieend leben». Die Männerkehlen gröhlten, und wenn ei­-ner den anderen zum Flachs in die Seite stupste, zischte der Gefoppte: «Ey, du Fotze!»

«Faschisten!», hätte die Antifa wohl diese krude Armee von Dorfjugendlichen genannt. Für mich waren sie an diesem Abend unfreiwillige Leidensgenossen – ein paar hundert Kilometer von meinem Zuhause in Berlin-Neukölln entfernt, mitten am Mannheimer Hauptbahnhof.

Dabei hatte ich geglaubt, ihrem Schatten längst entkommen zu sein. Zuvor hatte ich mit ihnen den zertretenen Boden eines Konzertgeländes am Hockenheimring geteilt. Genaugenommen mit 100 000 von ihnen. Eine Schützenfestgemeinde, deren Könige tätowierte Altherrenmusiker aus Frankfurt waren: die Böhsen Onkelz, in den frühen achtziger Jahren einmal die Urheber von Neonazi-Hymnen wie «Türken raus». Heute komponieren sie Rockmusik für weisse Männer im Delirium.

Wegen eines Auftrags war ich in diese Parallelgesellschaft geraten. Ich sollte die Fan-Szene der Band beschreiben, deren Mitglieder so enthusiastisch sind, dass sie jedes Wochenende feierwütige Onkelz-Partys veranstalten, ob in der Rhön oder in der Sächsischen Schweiz. Und die ihre Helden zudem regelmässig an die Spitzen der Charts heben. Warum vergöttern junge Menschen vom Land diese Band?

Es musste mit Zusammengehörigkeitsge­fühlen zu tun haben, mit einem Wir-gegen-die-anderen, ahnte ich. Zwischen zwei schwermütigen Akkorden hatte mir ein Nebenmann auf dem Konzert zugeraunt: «Wir sind die letzten Deutschen» – und damit so geredet, wie es radikalisierte AfD-Anhänger gerne tun. Zum Ausklang des Konzerts beschwor der Onkelz-Sänger Kevin Russell, ein Feierabend-Kelte mit Spitzbart und grauer Mähne, das «Licht im Dunkel, einen heiligen Bund».

Eine Walhalla, in der ich mich schnell verloren gefühlt hatte. Nach Hause wollte ich, an meinen Schreibtisch, wo ich in Ruhe über Gruppendynamik und Abstiegsangst nachdenken konnte.

Doch jetzt musste ich in Mannheim ausharren, wo die Laternen grelles Licht auf die Bordsteine warfen. Erst am frühen Morgen, um 6.32 Uhr, sollte der erste ICE nach Ber­lin fahren. Mit mir warteten jene Gruppen von Onkelz-Fans, die die Innenstadt in ein Happening verwandelt hatten; ihre Züge fuhren auch erst anderntags.

Vor der unscheinbaren Kulisse der Mann­heimer Innenstadt, vor Rossmann-Filiale und Thalia-Buchhandlung, vor Sitzbänken und kleinen Bäumen wirkten die Eindringlinge umso grotesker. Die Männer folgten ihren Impulsen: das nächste Bier, die nächste Marlboro-Zigarette. In einem McDonald’s, wo ich mir eine lauwarme Apfeltasche besorgen wollte, begegnete ich rotnasigen A-Capella-Sängern. Sie schmetterten einen unverwüstlichen Onkelz-Song. Mexiko heisst er, ein Schlager von 1986, in jenem Jahr veröffentlicht, als die Fussball-Weltmeisterschaft unter der zentralamerikanischen Sonne ausgetragen wurde. Das Lied wurde zum Zeichen eines Patriotismus, der sich zum Mainstream mausern sollte. Noch heute wird das Lied in den Fankurven angestimmt, wenn die Nationalmannschaft spielt.

An einem der winzigen Furnierholztische vernaschte ich meinen Snack. Ich erinnerte mich daran, dass ich selbst einmal ein Fussballfan gewesen war. Mein Verein: der 1. FC Köln. Auch ich hatte mit anderen Fans in Sonderzügen gesessen. Jetzt fragte ich mich, ob die Einheimischen damals in unseren Rudelbildungen etwas Ähnliches sahen wie ich an diesem Sommerabend in den Onkelz-Fans.

Frauen waren in diesen Rudeln die Ausnahme. Nur ein paar burschikose Mädchen, eben­falls in Onkelz-Montur, waren im Schlepptau ihrer Kerle zum Konzert mitgetrottet. Dort sahen sich einige von ihnen genötigt, ihren nackten Busen zu präsentieren, während sie auf den Schultern ihres jeweiligen Begleiters sassen. Eine mietshausgrosse Lein­wand zeigte die blank gezogenen Brüste; jede Aufnahme wurde mit einem Raunen wie bei einer La-Ola-Welle beju­-belt. Die «Titcam», eine über dem Publikum kreisende Video­kamera, sorgte für die nötigen weiblichen Opfer und für die dazu­gehörigen männlichen Sprechchöre, die lautstark «Ausziehen, ausziehen!» forderten.

Später, als ich in der Bahnhofshalle döste, erblickte ich eine Frau, Ende 20, mit Kapuzenpulli und rot gefärbten Haaren. In ihren Ohren steckten Kopfhörer. Ich fragte, ob sie etwa dieses bizarre Onkelz-Konzert gese­hen habe. Sie erzählte, vor allem die Lieder hätten sie mitgerissen. Sie spielte mir einen Song vor: «Das Leben war nicht immer, nicht immer gut zu mir / Licht und Schatten steh’n gemeinsam vor der Tür / Das ist mein Leben, vielleicht soll es so sein.»

Ich liess sie zurück mit ihrer Musiktherapie auf den Ohren und sank in einen Schlaf, der schemenhafte Bilder in mein Grosshirn spülte, von Schützenfesten, Mexiko und bedruckten T-Shirts. Als die letzten Onkelz-Fans die Züge zurück in ihre Heimatorte genommen hatten, fuhr auch mein ICE gen Berlin. Behäbig rollte er davon, einem fahlen Morgenlicht entgegen.

  • Philipp Wurm

Ursprünglich veröffentlicht in REPORTAGEN #42.
In Beiträgen wie diesem steckt eine Menge Arbeit. Und viel Herzblut. Schade finden wir, wenn sie nur einmal publiziert werden. Folglich haben wir an dieser Stelle quasi eine Fundgrube eingerichtet. Mit, so finden wir, grossartigen Artikeln aus dem Fundus von Reportagen – dem unabhängigen Magazin für erzählte Gegenwart.

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