Reportagen
Weltgeschehen im Kleinformat

Gestrandet: Keren

Gott, Liebe und Dosenbier, viel mehr gibt es nicht in Keren, drei Busstunden nordwestlich von Asmara, der Hauptstadt Eritreas.

Folterstaat. Vergewaltigungen. Zwangsdienst. «Unsinn!», sagt die Alte mit dem Goldzahn. «So was gibt’s hier nicht. Reinkommen, Bier trinken!» Es ist noch früh am Morgen, aber schon so heiss, dass uns der Schweiss bereits die Kniekehlen herunterläuft. Kein Mensch ist auf den Strassen zu sehen, wer Schatten findet, gibt ihn so schnell nicht mehr her. Wir checken in Goldzahns Absteige ein und tun wie geheissen: erst einmal ein Bier bestellen. An der Wand hängt ein Bild von Jesus und eins von Britney Spears. Aus den Boxen scheppert eritreische Popmusik, auf dem Regal stehen Pappkartons mit Kondomen, 145 Stück jeweils. «Warum?», frage ich. «Das ist ein Puff hier», sagt Goldzahn. «Ohne Gummis läuft gar nichts.»

Während wir unser Bier schlürfen, schallt der Ruf des Muezzins über den staubigen Innenhof zu uns herüber. Eine Frau flicht ihrer Tochter die Haare, eine andere spielt mit ihrem Sohn. «Bei Gottes Willen und wahrer Liebe wirken auch Kondome nicht», sagt Goldzahn.

Gott, Liebe und Dosenbier, viel mehr gibt es nicht in Keren, drei Busstunden nordwestlich von Asmara, der Hauptstadt Eritreas. Ein paar Kamele, ein ausgetrocknetes Flussbett, am Rande des Dorfes ein heiliger Affenbrotbaum. Und sowieso: «Völliger Wahnsinn, nach Eritrea zu reisen», sagte man uns im Vorfeld. «Die erzählen euch eh nichts!»

5000 Menschen fliehen monatlich aus Eritrea vor Überwachung, Folter und dem militärischen Zwangsdienst – so heisst es in Uno-­Berichten. Aber Journalisten kommen nicht rein ins Land, und offiziell kommt niemand raus. Wie lebt es sich im Nordkorea Afrikas? Wir tarnen uns mit zwei Touristenvisa und wollen zwei Wochen bleiben; andere Journalisten treffen wir nicht. Es gibt keine. Touristen auch nicht.

Das Bar-Girl stellt sich vor. «Titty, hey!» Titty drückt meine Hand und quetscht ihre Zigarette in einer alten Thunfischdose aus. «Süss», sagt sie mit Blick auf den Fotografen. «Bisschen klein vielleicht, aber süss. Unsere Männer kannste knicken – sind eh alle weg.» – «Wenn das so weitergeht, werden selbst die Christen polygam!», sagt Goldzahn, lacht und klingt dabei wie alter Raucherhusten.

Die Zimmer hier sind stundenweise zu mieten: ein schmales Bett mit losen Federn, ein Fenster mit Eisenverschlägen, das immer geschlossen bleibt, wegen der Fliegen, dazu Brandlöcher in der Bettdecke, Zigarettengross.

Mittags hocken wir im Schatten des Innenhofes und schlürfen den Saft süsser Mangos. Titty röstet frische Kaffeebohnen über einem kleinen Kohleofen. Ich versuche mein Glück, will wissen, wie das mit dem Zwangsdienst ist. «Kein Problem», sagt Titty und fächelt meine Frage mit dem Rauch der Bohnen über den Hof. Das vertreibt böse Geister. Und all die Flüchtlinge? Titty will davon nichts hören, zieht an meiner Zigarette und fragt nach der Potenz meines Fotografen. «Shukorina», sagt Titty. «Sweetheart. Nicht so viel Zeit verschwenden. Heiraten, am besten den Fotografen. Babys, am besten bald. Drei Stück! Oder vier! Versprichst du das?» Meine Fragen stossen auf Schweigen. Politik? Bitte nicht. Revolution? Ach, erst mal einen Kaffee. Gott und viel Zucker werden es schon richten.

Die Sonne geht unter, die Neonlichter er­wachen. Rot, grün, blau flackern sie in die sternenklare Nacht. Der Laden füllt sich, die kleine Tanzfläche auch. Titty tanzt zu äthiopischen Evergreens. Goldzahn schliesst die Kühltruhe auf. «Araki?», fragt sie und stellt ein Glas auf den Tisch. Araki geht immer. Heiliges Anisgesöff. Pur, mit Wasser oder morgens im Tee – ausserdem, so sagt man hier, hilft er gegen Malaria. Also stossen wir an, auf Gott und die Liebe und 25 Jahre Unabhängigkeit.

Ein Mann mit wilden Augen kommt durch das Eisentor. «I’m a runaway!», ruft er und spuckt auf den staubigen Boden. «Die kriegen mich niemals zum Militärdienst! Brüder des Teufels!» Goldzahn schiebt ihn aus der Bar. «Schwachsinniger», sagt sie. «Was war das?», frage ich Titty. Die sagt nichts und stellt einen Gin vor mich.

Doch je mehr Bierflaschen auf den Tischen stehen, desto mehr reden die Männer im Hinterzimmer. Von Politik und Diktatur. Vom jahrzehntelangen Zwangsdienst, von Flucht, von Descartes, Revolution und Demokratie. Die Zungen der schweigsamen Eritreer, gelöst von Dunkelheit und Dosenbier. Endlich! Denke ich. Denkt Titty aber nicht.

«Shukorina», sagt sie. «Sweetheart, das hier ist nichts für dich.» Sie zieht mich über den dunklen Gang in Zimmer Nummer vier, ihr Zimmer. «Lass doch mal die Fragen», sagt sie und besprüht uns mit süssem Parfüm. Sie zeigt mir ein Album mit den Fotos ihrer Männer und Kinder. Gottes Wille und wahre Liebe.

Sie nimmt meine Hand, wir wanken nach draussen. Musik! Mehr Gin! Eritrea – ein Folterstaat. Aber heute Nacht tanzen wir Coco Jambo und liegen uns in den Armen. «Ist es nicht schön hier, Shukorina?» Titty drückt mir einen Kuss auf die Wange.

Am nächsten Morgen zieht dünner Weihrauch durch die Ritzen der Spelunke. Eine junge Sudanesin wäscht das Sperma aus den Laken, und Titty kehrt die Reste der Nacht von den Fliesen. Dann streut sie Popcorn auf den Boden. Das bringt Glück.

  • Anna Hellge

Ursprünglich veröffentlicht in REPORTAGEN #37.
In Beiträgen wie diesem steckt eine Menge Arbeit. Und viel Herzblut. Schade finden wir, wenn sie nur einmal publiziert werden. Folglich haben wir an dieser Stelle quasi eine Fundgrube eingerichtet. Mit, so finden wir, grossartigen Artikeln aus dem Fundus von Reportagen – dem unabhängigen Magazin für erzählte Gegenwart.

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