Reportagen
Weltgeschehen im Kleinformat

Gestrandet: Ohio

Der Unterschied zwischen AM und PM ist wichtig, wenn man sich das Publikum von Donald Trump ansehen will.

Allein am Busbahnhof von Columbus, Ohio, um nach Cleveland zu fahren und dort das republikanische Rally aufzusuchen. Samt Trump, der eine Wahlkampfrede absondern soll. Wozu? Auf sein Publikum bin ich gespannt. Auf die, die diesem Präsidenten tatsächlich Glauben schenken. So viel er will. In welche Himmelrichtung schürfen ihre Augen dabei? Welchen Winkel nehmen ihre Rücken beim Applaudieren an? Ob auf ihren Ellenbogen Muster von Amerikas Flagge eingepresst sind, so wie wenn man sich zu lange auf Kies abgestützt hat? Hört man vielleicht ihre Bäuche Bacon besaften, während der mächtigste Mann der Welt sagt, dass die Flüchtlinge selbst schuld sind? Im Grunde also gesunder zeitgeschichtlicher Masochismus, der mich hintreibt.

Komisch nur, dass mein Bus so gar nicht ausgeschrieben ist. Überhaupt ist diese Greyhound-Station ein seltsamer Ort. Auf etlichen Schildern steht, dass Betteln und Herumlungern am Bahnhof verboten ist. Davor lungern etliche Obdachlose und betteln. Über entwendeten Einkaufswagen und Elend prangen protzige Glotzen und zeigen American Football. Die Reise ins Herz der knallorangen Finsternis stockt, immer noch keine Spur vom Bus. Nachfrage bei der afroamerikanischen Dame an der Info. «Honey, du hast a.  m. und p.  m. verwechselt», lacht sich die Gute schlapp. «Dein Bus ist vor zwölf Stunden los.»

Es ist zwölf Uhr mittags (a. m., klar), der nächste geht erst um drei, da beginnt aber auch Trumps «Ansprache». Nach Cleveland braucht man etwa zwei Stunden. Bliebe noch Trampen als letzte Option. Knapp, aber machbar. Ich wende mich wieder zur lachenden Info-Lady. «Hätten Sie vielleicht Stift und Papier für mich?» «Wofür? Möchtest du A und P schreiben üben, Babyboy?» «Nein, ein Schild zum Trampen basteln.»

Ich renne zur Ausfahrt nach Cleveland, der State Route 70. Ein paar der Wolkenkratzer von Columbus, besonders der, dessen Spitze mich immer an eine Lotusblume erinnert, schielen einem hier noch über die Schulter. Sie sehen, wie ich auf die harte Nicht-Tour lerne, dass Smartphones der Tod des Trampens sind. Irre, wie viele Menschen am Steuer auf ihr Telefon starren. Wenn sie schon die Strasse selbst kaum beachten, wie soll dann ich kleines Randfigürchen bemerkt werden? Auto um Auto rauscht vorbei. Die Uhr zeigt inzwischen 13:29. Ich beschliesse, Schicksalsversteher zu spielen: Wenn in der nächsten Minute niemand anhält, soll es nicht sein. Kurz darauf bleibt ein grüner Dreitürer stehen. Sein Motor klingt krank, und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass das Auto den Boden beim Fahren schleift. Aber hey, es hat angehalten!

Mein Republikanerreise-Retter heisst Michael. Mittelalter Typ, Afroamerikaner. Neongelbe Baustellenweste über dem Shirt, gegerbte Haut. Ausserdem hat Michael entweder sehr schwerkraftempfindliche Augenbrauen oder miserable Laune. An gleich zwei Handys schnauzt er in die Leitungen: «My money! My money! Bitch, give me my money!» Schroff. Aber dürfen Retter etwa nicht mal schroff sein? Steckt halt irgendwie in der Klemme. Und trotzdem hilft Michael mir! Wusste ich es doch, teilen tun vor allem jene, die selbst wenig haben und sogar um dieses bisschen kämpfen müssen! Solidarität! Denke ich, während wir Unmengen Fast-Food-Ketten entlang des Highway passieren.

«Nach Cleveland fahr ich nicht durch. Wie weit musst du?»

Ich krame nach meinem Ticket. (Ja, für Trump-­Veranstaltungen muss man sich Tickets besorgen.) Aber Michael wartet die Antwort gar nicht erst ab.

«Gib mir Geld für das Benzin, und ich fahre dich bis nach Cleveland.» – «Danke vielmals! Ich sag dir, ich hab vielleicht ein Theater hinter mir, Buszeiten verwechselt, hier ewig gestanden.» –  «Ja.» –  «Ich kenne die lokalen Treibstoffpreise nicht, Michael. Wie viel wäre fair?» – «Gib mir 15.» – «Ich gebe dir 20, weil du als Einziger so gut warst, mich mitzunehmen.»

Ich versuche, Michael etwas kennenzulernen. Erzähle, wieso ich zu Trumps Trotteln will. Möchte hören, was er so denkt.

«Ich bin Demokrat», brummt er unwillig, als hätte ich gefragt, wie viele Beine ein Mensch links und rechts hat. Dann klingelt wieder eines seiner Aufklapp-Motorolas. «Ich ficke nicht mit euch, wenn ich nicht mein Geld kriege!»

Wieder zu mir gewandt: «Kannst du mir das Geld jetzt geben. Ich muss gleich tanken.»

Eine gewisse Dichotomie zwischen Michaels Telefonierpersönlichkeit und meiner Vorstellung von ihm als grandiosem Solidar lässt sich immer weniger von der aufgehaltenen Hand weisen.

«Okay.»

Der dollargrüne Dreitürer schleift uns noch 10 Minuten über den Highway.

«Ich setze dich da vorne ab, da kannst du weitertrampen. Dauert so 45 Minuten.» – «Aber du hast doch gesagt, dass mich nach Cleveland fährst!?!» – «Bist du bescheuert? Das ist ein Dreistunden-Ritt!» – «Eben meintest du noch, es seien 45 Minuten!» – «Guck, Kumpel, ich muss jetzt für meinen Kollegen Gras mähen.» Gras mähen? Ernsthaft? Auf dem Highway? Ist das vielleicht Slang für des eigenen Weges gehen? Oder kriecht Michaels Auto etwa so tief, weil es in Wahrheit ein Rasenmäher ist? «Also hast du mir 20 Dollar für zehn Minuten Fahrt abgenommen?» – «Raus aus meinem Auto! Raus aus meinem Auto, du machst mich wütend!» – «Gib mir meine Kohle zurück!» – «Nein, Motherfucker!» – «Wichser!» Tür so zugeschlagen, dass sie seiner strassenzerkratzenden Schrottkarre ein Gnadenschuss sei.

Ich hoffe, die Republikaner beschliessen heute auf ihrem Parteitag, dass die Strassen höhergelegt werden sollen. Dann bleibst du mit deinem Drecksauto ganz hängen und bist auf fremde Hilfe angewiesen, Michael! Recht bedacht, sollte ich dir vielleicht sogar dankbar sein. Mein Tagesziel war es ja, einen zu treffen, der vorgibt zu helfen und doch nur sich selbst begünstigt.

  • Dmitrij Kapitelman

Ursprünglich veröffentlicht in REPORTAGEN #48.
In Beiträgen wie diesem steckt eine Menge Arbeit. Und viel Herzblut. Schade finden wir, wenn sie nur einmal publiziert werden. Folglich haben wir an dieser Stelle quasi eine Fundgrube eingerichtet. Mit, so finden wir, grossartigen Artikeln aus dem Fundus von Reportagen – dem unabhängigen Magazin für erzählte Gegenwart.

Schlagworte: ,
0 Kommentare

Dein Kommentar

Willst du mitreden?
Sag uns, was du denkst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.