Reportagen
Weltgeschehen im Kleinformat

Gestrandet: Casablanca

Sicher, mein ukrainischer Reisepass war etwas rissig, und mein Foto darin löste sich langsam ab, wie ein schlampiger Separatist.

Ich würde sagen, an diesem herrlichen Dezembermorgen wähnte ich einen Hauch von Unangreifbarkeit an mir und lachte viel mit Franz. Kurz auch über Franz, als er bei der Gepäckkontrolle am Flughafen Tegel wegen zu viel Shampoo zur intensiveren Personeninspektion herausgezogen wurde. Ausgerechnet Franz! Der auf wilden Wüsten­festivals Oligarchen trifft, die ihm Lachs schenken. Dieser unglückabsorbierende Strahlemensch.

Nein, neidisch bin ich nicht auf Franz. Aber ich brauche seinen nicht zu bremsenden Hedonismus als Anschauungsbeispiel, als Beweis dafür, dass sich nicht auf jedem Schicksal ein Grundklumpen Übel stapelt. Somit war es auch wenig überraschend, dass sich die Personeninspektion für Franz lediglich zwei Verdachtsminuten hinzog und er bald am Kiosk beim Abflugterminal ein Nackenkissen kaufte. «Nackenhörnchen», wie er mich bald auf den korrekten Terminus hinwies. Ein Nackenhörnchen am Flughafen – das kostet doch ein Vermögen! Wer gibt dreissig Euro für ein Nackenhörnchen bei läppischen viereinhalb Stunden Flug nach Casablanca aus? Richtig, Franz gab dieses Geld mit bestem Gewissen aus und stürzte mich gleichzeitig in ökonomische Fremdscham und absolute Bewunderung für diese Mikrodekadenz. Aber wie ich ja bereits erwähnte, zählte auch ich mich an diesem Morgen zu den Gewinnern der Gesellschaft.

Bald würden Franz und ich mit verschiedener Nackenverfasstheit in Marokko landen, ein Haus am Strand beziehen und eine Woche lang Hedonisten-Hasch rauchen. Franz würde seine ersten Monate als Anästhesist reflektieren und einige kluge, dann wieder recht banale Dinge konstatieren. Je nach Haschqualität fiele mir diese Trennlinie mal mehr, mal weniger auf. Wir, Franz und ich, würden jedenfalls eine gute Zeit zusammen in Marokko erleben. Und ich fühlte mich flott wie ein spielwütiger Babyelefant an diesem formidablen Dezembermorgen.

Sicher, mein ukrainischer Reisepass war etwas rissig, und mein Foto darin löste sich langsam ab, wie ein schlampiger Separatist. Bei der letzten Ausreise am Flughafen Tel Aviv war meine kleine, alberne Papieridentität schon negativ aufgefallen. Eine offizielle Ausreise-Aufpass-Frau konnte gar nicht glauben, dass ich in Deutschland mit so einem Pass ernst genommen werde. Und die zweite offizielle Ausreise-Aufpass-Frau fragte, ob ich vorhätte, noch einmal nach Israel zurück­zukehren. Ich sagte zuerst Nein, weil mir Tel Aviv mit seiner Selbstherrlichkeit wahnsinnig auf den Geist gegangen war. Dann fiel mir ein, dass ich Jude bin. Also sagte ich: «Vielleicht doch. Später.» – «Mit diesem Pass brauchen Sie jedenfalls nicht nochmal zu kommen.» Ein Pass des Landes Ukraine, ein papiernes Konglomerat aus Heu, Spucke und Korruption.

Der offizielle Einreise-Aufpass-Mann sass hinter seinem offiziellen Einreiseglas am Flughafen Casablancas und blätterte durch den Pass. Wurde murrig. Wie jemand, der sich darüber ärgert, dass die Anleitung seines neu gekauften Fernsehers nur in Spanisch und Chinesisch verfasst ist. «Sie brauchen ein Visum für Marokko. Sie haben keines.» – «Kann ich es hier beantragen?» – «Nein, das müssen Sie bei der marokkanischen Botschaft in Berlin tun.» Die marok­kanische Botschaft in Berlin hatten wir vor sieben Stunden auf einem anderen Kontinent hinter uns gelassen.

Ich bin nicht besonders begabt darin, schockiert zu sein. Und sehe oft zuerst die Ironie meiner Schlamassel, ihre schmierige Schönheit – und erst dann die faktische Zwangslage. Also beispielsweise sehe ich mich, als ein schwachdokumentiges Würstchen, das Gefahr läuft, seinen Urlaub zu verpassen.

Franz und ich wurden zur Seite gewinkt und von einem glatzköpfigen schwarzen Mann im Anzug schnellverhört. Franz dürfe einreisen, wenn er denn wolle, ich nicht. «Last Maschine to Paris, your friend decide now! You go now!» – «Franz, geh rein. Es hat doch keinen Sinn, wenn wir beide den Urlaub verpassen!» Und Franz fand daraufhin genau die richtige Mischung zwischen tiefer Zerrissenheit und Gut-ich-geh-dann-mal. Weg war er.

Der glatzköpfige Mann im Anzug führte mich hastig zum Gate nach Paris. Gerade noch rechtzeitig, um die letzte Maschine an diesem Abend abfliegen zu sehen. Ihr nachschauend, zuckte er kurz unzufrieden mit seinen Mundwinkeln. Dann konfiszierte er meinen Pass und knurrte lustlos: «Ukraine, you wait for first flight in the morning. You go Ukraine in the morning!» Und dieser Satz war dann doch eindringlich genug, um meine Ironie-Idiotie zu verscheuchen und mich zu richtiger Sorge zu befähigen. Denn so, wie der Satz des zweiten offiziellen Nicht-Einreise-Mannes klang, sollte ich in die Ukraine verfrachtet werden. Nur war ich seit fünfzehn Jahren nicht mehr in der Ukraine gewesen – dem Land, wo meine Mutter mich einmal blutig und schleimig in die Welt geschieden hatte. Ich war nicht mehr dort, um dem Militärdienst zu entgehen. Von Casablanca aus würde man mich zwar als Dreissigjährigen nach Kiew schicken, unter normalen Umständen also als zu alten Sack, um eingezogen zu werden. Aber in der Ukraine warteten ja nicht normale Umstände, sondern Aufstände. Krieg.

Als ich also beim Deportationstrakt am Flughafen Mohammed V in Casablanca abgeliefert wurde und realisierte, dass Franz, mein Urlaub und mein Pass weg waren, dass ich vielleicht übermorgen schluchzend in einem ukrainischen Panzer hocken könnte, in diesem Moment war herzlich wenig von der morgens gewähnten Unangreifbarkeit zu spüren.

Deportationstrakt ist vielleicht zu dramatisch ausgedrückt. Das klingt nach Zelle, Verhörlampe und Peitsche. Nein, es war ein gewöhnliches Abflugterminal. Mit etwa dreissig abgewetzten schwarzen Kunstledersitzen in Plastikfassung, ein paar plattgedrückten Pappkartons zum Schlafen im hinteren Teil des Raumes und einer verlassenen schwarz-pornoorangenen Imbissbude, wo Shakes und Sushi verkauft wurden. Ausserdem ein sichtlich mit seiner Aufgabe im Leben zufriedener Abreise-Erzwinger-Mann, der nebenan in einem Häuschen sass und uns mit einer Kanone in seinem Halfter bewachte. Mit «uns» meine ich mich und ein fünfköpfiges Grüppchen junger Männer aus Mauretanien. Begleitet von einer ständig mit der Zunge schnalzenden mauretanischen Frau, die ansonsten nur Augen für ihr mauretanisches Mobiltelefon hatte. Nur einmal richtete sie sich die Haare, schminkte sich, streckte den Busen raus, während auch ihre Reisebegleiter an Körperspannung und Lebenslust gewannen – ah, die sechs machten ein Selfie! Dann war da ein Imam aus Tunesien, vielleicht auch Ägypten, der – wenn ich es richtig verstanden hatte – nach Spanien reisen wollte und nicht durfte. Sie alle wirkten ein wenig überrascht, dass jemand mit einer solch unangreifbaren Hautfarbe wie ich auch hier hockte. Unter dem scheinbar unbelebten grausilbernen Tuchknäuel, das auf einem der Sitze mir gegenüber kauerte, lag eine Frau. Die aufstand, das Tuch, aus dem sie eben noch bestanden hatte, auf dem Boden ausbreitete und begann, darauf zu beten. Bevor sie sich wieder aufraffte, abklopfte und auf ihrem Sitz erneut zu einem atmenden Tuch schrumpfte.

Nun würde ich gern berichten, dass ich diesen Raum, wo wir alle die Luft der Angehaltenen atmeten, als kosmopolitische Herzkammer interpretierte und wir uns bald gegenseitig Geschichten erzählten, die zwar an verschiedensten Teilen der Erde spielten, sich aber doch dank universeller, unentrinnbar verbindender Menschlichkeit glichen. Aber so war es nicht. Immerhin schlenderte der zufriedene offizielle Abreise-­Erzwinger-Mann nach etwa zwei Stunden sadistenselig heran und brachte mir ein in Folie gewickeltes Falafelsandwich und eine Bitter-Lemon-Fanta. Ich versuchte, die Gunst der Gelegenheit zu nutzen. Und sicherzustellen, dass ich nicht in den Krieg abgeschoben würde. «Ich besitze eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis und einen festen Wohnsitz in Deutschland!» – «Yes, you go tomorrow Ukraine! Now sit down, Ukraine!» Dabei lächelte der offizielle Abreise-Erzwinger-Mann ein Wir-sterben-alle-sowieso-irgendwann-Lächeln. Er schien ein Mann zu sein, dem es ganz egal war, in welcher Sprache die Anleitung seines Fernsehers ist. Der zieht sich auch empfangsloses Grieseln rein. Nur damit andere es mitansehen müssen. Am Falafelsandwich war indes wenig auszusetzen. Wenn das einen Vorgeschmack auf Marokko darstellte, war ich tatsächlich im Begriff, etwas zu verpassen.

«Your first time Marocco?», fragte der Abreise-­Erzwinger-Mann beiläufig, während wir anderntags zum Flugzeug liefen. «My zero time Marocco», sagte ich, vorbei an den verdutzt zu uns blickenden Menschen in der Schlange zum Check-in, die sich fragten, ob ich ein Prominenter, Krimineller oder vielleicht beides war. «Marokko ist ein sehr gastfreundliches Land. Aber Gesetz ist nun mal Gesetz, das verstehen Sie doch?», fragte er. Warum war ich unter allen offiziellen Abreise-Erzwinger-Männern der Welt ausgerechnet an den geraten, den ich später nicht einmal als kaltes bürokratisches Arschloch verteufeln kann? Warum musste er auf unserem zehnminütigen Gang zur Air-France-Maschine so rechtschaffen wirken? «In Paris wird die Polizei Sie noch einmal vernehmen.» Der zweite offizielle Abreise-Erzwinger-Mann schnallte meinen Gurt auf dem hintersten Sitz des Flugzeugs persönlich fest. Bevor er sich strahlend wie einer verabschiedete, der die Gegenwart auf seiner Seite wähnt und den Hauch der Unangreifbarkeit an seinen Hemdsärmeln hängen hat: «Come back and visit Marocco.»

  • Dmitrij Kapitelman

Ursprünglich veröffentlicht in REPORTAGEN #41.
In Beiträgen wie diesem steckt eine Menge Arbeit. Und viel Herzblut. Schade finden wir, wenn sie nur einmal publiziert werden. Folglich haben wir an dieser Stelle quasi eine Fundgrube eingerichtet. Mit, so finden wir, grossartigen Artikeln aus dem Fundus von Reportagen – dem unabhängigen Magazin für erzählte Gegenwart.

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