Reportagen
Weltgeschehen im Kleinformat

Gestrandet: Tucson

Vor Jahren entdeckte ich diese CD, Tucson Songs, eine Kompilation von verschiedenen Bands aus Tucson. Und darum möchte ich schon seit Jahren dorthin.

«Why Tucson?», diese Frage wird mir im Greyhound-Bus von L. A. über Phoenix nach Tucson dreimal gestellt. Dort gibt es nichts zu sehen, so die  Meinung meiner Mitpassagiere. – «It’s because of the music.» Vor Jahren entdeckte ich diese CD, Tucson Songs, eine Kompilation von verschiedenen Bands aus Tucson. Lässiger Südstaaten-Groove prallt auf mexikanische Fiesta, Folksongs wechseln mit Schrummelpop, melancholische Gitarren verschmelzen mit euphorischen Bläsercombos. Diese Musik verzaubert mich noch heute, lässt mich träumen von der scharfen Wüstenluft und  staubigen Hinterhöfen. Diese Platte fühlt sich an, wie vom jungen Johnny Depp in Arizona Dream geliebt zu werden. Darum möchte ich nach Tucson.

Von dem Apartment, in dessen Wohnzimmer ich vier Nächte schlafen werde, mache ich mich zu Fuss auf Richtung City. In den Siedlungen, die ich durchquere, reihen sich gleichförmige Einfamilienhäuser aneinander, teils hinter gepflegten Vorgärten mit gros­sen Kakteen versteckt, teils hinter weissen Mauern. Die breiten Strassen sind still, nur die Klimaanlagen summen, ab und an schleicht ein bulliges Auto an mir vorbei. Nach zwei Kilometern erreiche ich das Uni­gelände, auf dem man gerade das alljährliche Alumni-Fest «Homecoming» vorbe­reitet. Männer mit dicken Bäuchen und Cowboy­hüten bauen rot-blau-weisse Plastikzelte auf, aus schwarzen Boxen dröhnt R&B, Plakate künden das morgige Football-Heimspiel der Arizona Wildcats an.

Ein paar Blocks weiter beginnt das  City Center, das im Verhältnis zur weit auslaufenden Stadt recht klein ist. Drei klobige Hochhäuser schrauben sich in den Himmel, zwei Parallelstrassen beherbergen Geschäfte internationaler Ketten, Passanten hat es kaum. Mit müden Beinen setze ich mich in einen klimatisierten Taco-Imbiss. An geschmacklosem Teig kauend, greife ich mir auf dem Nebentisch die Tucson Weekly: Schon wieder wurde ein Mexikaner tot in der Wüste gefunden. Ich google: Ja, auch im Bezirk Tucson sind Bürgerwehren unterwegs, die Fliehende jagen. Von meinem Standort bis zur mexikanischen Grenze sind es nur 100 Kilometer.

Ich hatte mir Tucson magisch oder zumindest ein bisschen romantisch vorgestellt. Doch nach 48 Stunden muss ich mir eingestehen: Diese Wüstenstadt mitten im erzrepublikanischen Arizona fühlt sich kalt und feindselig an. Hier verdursten Menschen aus Angst, entdeckt zu werden, und in etlichen Handschuhfächern liegt eine geladene Waffe bereit. Ich komme mit niemandem ins Gespräch, von lokaler Musik keine Spur. Seit einer Stunde sitze ich jetzt an einer Bushaltestelle, weil ich keine Lust habe, in das Apartment zurückzukehren, rauche und starre in den brummenden Feierabendverkehr: Mittendrin reitet ein Cowboy mit langen blonden Haaren ein vierrädriges Motorrad.

Am nächsten Mittag bin ich vom Tod um­geben. Skelette in Bikinis, in Arztkitteln, in Abendkleidern. Totenköpfe mit Zylindern, Joints und Blumenkränzen. Aus den Schaufenstern und von den Hauswänden der 4th Avenue grinsen sie mich an und flüstern: «Come on girl, a little closer.» Bald wird der Umzug zum Día de los Muertos durch diese lange Strasse ziehen. Viele Fassaden sind mit glänzenden Mosaiken und bunten murales, Wandmalereien, verziert. Hier gibt es traditionelle mexikanische Keramik, lokal entworfene Ledertaschen und gebrauchte Cowboystiefel zu kaufen. Die 4th Avenue ist so etwas wie das zweite Zentrum Tucsons, eine hippieske Oase mitten im Wilden Westen. Sogar Velos radeln vorbei, was auf mich eine seltsam beruhigende Wirkung hat.

An meinem letzten Abend spielen im Hotel Congress, dem grössten Kulturhaus der Stadt, mehrere lokale Bands. Von «meiner» Platte ist keine dabei – aber immerhin. An der Bar treffe ich Matt, einen Vorzeige-­Hipster um die dreissig mit Bart und Hornbrille. Wir kommen auf seinen Job zu sprechen: Seit dem Physikstudium arbeitet er hier in Tucson beim Waffenkonzern Raytheon, Arizonas grösstem Arbeitgeber. Zurzeit forscht er an Auslösemechanismen für Handgranaten. «I know, it’s embarrassing», murmelt er, da ich ihn ungläubig anschaue. Eigentlich wollte er nur zwei Jahre Erfahrung sammeln.

Als ich noch ein Bier bestelle, fällt mir auf der anderen Seite des Tresens ein Mann mit graumeliertem Haar auf. Ich weiss, wie dieser Mann heisst: Howe Gelb. Der Musiker ist in der Americana-Szene eine zentrale und treibende Figur. In der Schweiz habe ich ihn und seine Combo Giant Sand schon oft auf der Bühne gesehen, jetzt könnte ich einfach zu ihm gehen und Hallo sagen – doch auf einmal ist mir das alles ganz egal. Das widersprüchliche Tucson hat mir genug von sich gezeigt, damit ich verstehe, warum hier ganz besondere Musik entsteht, zumindest von Zeit zu Zeit. Ich wende mich also wieder der Granate zu.

Als ich Stunden darauf verkatert in meinen Greyhound-Sitz sinke, winkt mir von einer Hausfassade wie zum Abschied ein Skelett im Morgenrock zu. Ob am Día de los Muertos jemand an den toten Mexikaner denken wird? Ich hoffe es und schlafe ein.

  • Martina Kammermann

Ursprünglich veröffentlicht in REPORTAGEN #39.
In Beiträgen wie diesem steckt eine Menge Arbeit. Und viel Herzblut. Schade finden wir, wenn sie nur einmal publiziert werden. Folglich haben wir an dieser Stelle quasi eine Fundgrube eingerichtet. Mit, so finden wir, grossartigen Artikeln aus dem Fundus von Reportagen – dem unabhängigen Magazin für erzählte Gegenwart.

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