Distillerie Studer

17. Mai 2016
Distillerie Studer: Eine Familiensaga

Zeit und Geist in der Flasche

Wurzeln. Eine Geschichte, die wächst und reift, Stürme erlebt, Blüten treibt, Früchte trägt: Kirschen und Birnen und Pflaumen und Äpfel – auch Wacholder. Die Zeit und die Früchte werden im Entlebuch verarbeitet: Der Meister mischt Kräuter bei, brennt den Geist in die Flasche.

Vorwort
Viele Geschichten aus der Schweiz und der ganzen Welt basieren auf alten Sagen und Erzählungen. Manchmal ist strittig, was davon der Wahrheit entspricht und was auf einem Mythos beruht. Viele dieser Darstellungen haben sich über Jahrhunderte hinweg tief in die Geschichte einer Gegend eingeschrieben und sind in den Herzen der Menschen hängengeblieben.

Auch die Biografie der Familie und Distillerie Studer wurzelt in einer solchen regionalen Geschichte: einer Erfolgsgeschichte von Schweizer Spirituosen, mit sagenhaften Episoden, die wahrer nicht sein könnten.

Der Anfang liegt im Jahr 1883 und wird von vier Brüdern geschrieben: Robert, Gottfried, Hans und Josef. Die Männer sind jung, tragen Schnäuze mit spitzen Enden und haben den Blick über die Dorfgrenzen hinaus in die Weite der Welt gerichtet. Der Antrieb: Unternehmungslust, Wissensdurst. Eines Tages brechen sie auf, mit der neuen Eisenbahn. Die Lehr- und Wanderjahre führen sie von Spanien nach Schottland – über Umwege; die Studers, so liest man in der Familienchronik, arbeiten auch bei Marie Brizard in Frankreich, lassen sich einweihen in die Rezepturen und die Feinheiten der Produktion von Likören und Spirituosen – und wo das Wissen mit Begeisterung ins Fliessen kommt, wo inspirierender Austausch stattfindet, werden auch wertvolle Kontakte geknüpft und vereinbarend Hände geschüttelt.

Die Sage von Hans Studer, der Lenin zum Zahnarzt fährt
Die Reise geht weiter und weiter. Und auch immer wieder zurück. Zurück in die Heimat. Zum Ursprung: das Dorf Escholzmatt, 857 Meter über Meer, inmitten einer hügeligen Landschaft, in der dichte Fichtenwälder die Lungen beflügeln, Steinpilze mit bräunlichen Hüten aus dem Boden grüssen, Tiere und Pflanzen in Moorlandschaften Ideenreichtum unter Beweis stellen. Am südlichen Ende der Schrattenfluh ruht, unbewegt, ein Gebirgsstock der Voralpen. Und alles hier ist von Sagen durchtränkt und umwoben: Es kursieren Geschichten vom Schutzgeist einer Tanne, der einem jungen Bauern die Beine zerschlug, als der es wagte, sich am alten Baum zu schaffen zu machen, ihn zu fällen. Man erzählt sich die Legende vom Erdmännchen und einem magischen Feuerzeug, das Wünsche erfüllt. Und man getraut sich nicht wirklich, die Geschichten als blosse Märchen abzutun. Denn letztlich kann man nie wissen, ob nicht doch ein paar Wundergestalten im malerischen Entlebuch ihre Finger im Spiele haben.

Draussen in der Natur bleibt es geisterhaft in den vielen Schatten – im Dorf aber kommt 1899 nachts langsam Licht ins Dunkel: Die vier Brüder treiben die Beleuchtungsanlagen voran, und das Anwesen der Studers erhält eine Zentralheizanlage. Ausgezeichnete Spirituosen und Liköre werden produziert. Die Spezialität des Hauses: feine Confiserien wie Bonbons, Dragées und Caramel-mou; das süsse Sortiment umfasst mehr als zweihundert Produkte. Man ist erfolgreich. Die Studers kauften sich als erste in der Umgebung ein Auto – mit dem kutschiert Hans dann eines schönen Tages einen Mann namens Wladimir Iljitsch Lenin durch die Gegend: Der kommunistische Politiker weilt bergverliebt und Revolutionspläne schmiedend im Entlebuch und bekommt heftige Zahnschmerzen. Da der nächste Zahnarzt in Luzern ist, werden die Studers kontaktiert und gebeten, ihn da schnellstmöglich hinzubringen – erst auf dem Weg in die Stadt wird Hans klar, wen er da neben sich sitzen hat. Eine Anekdote. Und die Geschichte geht weiter.

Die Sage vom Phönix, der von Mathilde Studer geritten wird
Der erste Weltkrieg ist überstanden. Alles blüht. Auch das Geschäft hat Fahrt aufgenommen: Die Distillerie Studer geniesst einen ausgezeichneten Ruf, erhält für ihre Erzeugnisse Anerkennung und Auszeichnungen und ist Generalimporteur edler Tropfen, mitunter von Bordeaux-Weinen. Für eine Flasche vom Mouton Rotschild bezahlt man Franken 4.50. Das Unternehmen glänzt golden in der Landschaft – bis dann der Sturm kommt, die Fabrikanlage in der kalten Nacht vom 6. Februar 1922 in Flammen steht und niederbrennt. Asche. Staub. Robert, Gottfried, Hans und Josef wollen nicht mehr. Schmerz macht sich breit. Und Verzweiflung. Werner, der älteste Sohn von Hans, nimmt allen Mut zusammen. Er will den Phönix zähmen – zusammen mit seiner Frau Mathilde.

Die zweite Generation übernimmt den Betrieb, baut wieder auf. Zähheit und Zuversicht wirken Wunder. Und als das Schicksal elf Jahre nach dem Feuer wieder zuschlägt und Werner nach langer Krankheit stirbt, beweist Mathilde Courage und erstaunliches Durchsetzungsvermögen: Sie führt das Unternehmen alleine, und sichert der Firma der Gebrüder Studer, die mittlerweile in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden ist, den erfolgreichen Fortbestand. Mathilde füllt eine Rolle aus, die für Frauen in den 1930er Jahren so noch nicht gedacht ist: Sie reist mit Selbstvertrauen und Selbstverständlichkeit, um Aufträge einzuwerben, verhandelt mit Wirtsleuten, überzeugt, wird ernst genommen – und bewahrt sich bei all den Herausforderungen ihren wunderbaren Humor. Man hört sie gerne lachen, es kommt von Herzen. Und die Menschen schätzen sie als Visionärin und aufmerksame Gastgeberin, die auch mal einen eisgekühlten Lady White aus der Hausbar holt und mixt und schwingt, bis all die Schnäpse fixiert sind.

Die Sage von der Erde, die bei den Studers zum Himmel wird
Eine weitere Anekdote: Draussen bellt ein Schäferhund, und in C. G. Jung wellt sich die Welt. Noch ist er nicht der berühmte Psychoanalytiker, der er einmal werden wird, sondern ein heranwachsender Mann. Und dieser junge Jung ist im Hotel-Sanatorium Entlebuch zu Gast, begleitet die Pensionäre auf einen Ausflug in die Brennerei Studer und erlebt seinen ersten Rausch. Für diesen «neuen und unerwarteten Bewusstseinszustand» findet er später in seiner Biografie «Erinnerungen Träume Gedanken» folgende Worte: «Es gab kein Innen und kein Aussen, kein Ich und die Anderen, keine Nummer 1 und Nummer 2, keine Vorsicht und Ängstlichkeit mehr. Die Erde und der Himmel, die Welt und alles, was darin kreucht und fleucht, rotiert, aufsteigt oder herunterfällt, war eins geworden. Ich war schamerfüllt und triumphbeglückt betrunken.»

Nach dem zweiten Weltkrieg führt Mathildes Sohn Werner amerikanische und englische Soldaten zur Erholung durch die Schweiz. Einer davon: der berühmt-berüchtigte General Bernard Montgomery. Werner und sein Bruder Hans reisen aber auch im Auftrag ihrer Mutter durch die Lande und verkaufen die edlen Erzeugnisse der Distillerie mit Erfolg. Schliesslich übernehmen die beiden das Unternehmen. Eine neue Ära nimmt ihren Anfang, als Hans sein Büro in Genf eröffnet, während sich Werner um die Deutschschweiz kümmert. 1990 dann wird das Zepter an die 4. Generation weitergereicht, an Käthi und Ivano Friedli-Studer. Und jetzt sind wir tatsächlich in der Gegenwart, aber einer, in der mit Sohn Saverio auch schon die Zukunft mitwirkt. Es wird verfeinert, entwickelt und fortlaufend Neues ausprobiert. Die feinen Destillate der Brennerei geniessen einen hervorragenden Ruf und werden an nationalen und internationalen Wettbewerben regelmässig ausgezeichnet. Studers Gin, Vodka und Absinth haben es in die Königsklasse geschafft.

Authentizität ist das Rezept. Das wurde als Handwerk verinnerlicht, über Generationen. Und hinter alldem steht Leidenschaft als treibende Kraft. Die Distillerie Studer steht für Zeit und Geist. Zeitgeist. Auch in Zukunft.

Es wird verfeinert, entwickelt und fortlaufend Neues ausprobiert.

Epilog
Eine Familie schreibt Unternehmensgeschichte. Ein Unternehmen schreibt Familiengeschichte. Seit 1883. Und damals wie heute und morgen: Wenn die Früchtelager gefüllt sind, wird der Brennmeister zum Alchemisten am Ofen. Er arbeitet mit Obstmaische, dem vergorenen Gemisch, und trennt und konzentriert den Alkohol, führt die flüchtigen Aromakomponenten ins Destillat über. Mit hellwachen Sinnen: Er schaut und er riecht und er schmeckt. Hier liegt die Kraft in der Klarheit, geht es um beste Zutaten, Erfahrung, Wachsamkeit, Achtsamkeit. Was letztlich herauskommt aus dem Ofen und hinein in die schönen, gläsernen Flaschen, ist buchstäblich von sagenhafter Qualität und Natur.

  • Sebastian Magnani

  • Andrea Keller

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