Daniel Kost, Hotel Belvoir

20. Februar 2018
APROPOS HOTELLERIE

Ein Blick über den Tellerrand

Das nenn ich eine Ansage. Rico Roth, Jahrgang 1979, seit 15 Jahren Schulmusiker und Musiklehrer, macht ein dreimonatiges Sabbatical und will in dieser Zeit, während neun Tagen, neun verschiedene Berufe beschnuppern. Eine charmante Idee ist das alleweil. Richtig cool finde ich hingegen die Tatsache, dass er sich dafür, unter anderem, das Hotel Belvoir ausgesucht hat, jenen Ort, wo Daniel Kost, ebenfalls ein Querdenker, die Direktion innehat.

Daniel Kost wäre nicht Daniel Kost, hätte die Neugier nicht über die Skepsis gesiegt. «Dass ich bisweilen selbst unkonventionell ticke, dessen bin ich mir bewusst», sagt Kost und meint schmunzelnd weiter: «Dass ein Orts- und Branchenfremder mit so einer merkwürdigen Idee bei mir anklopft, hat mich hingegen zur Reflexion veranlasst.» Schliesslich, und das weiss wohl niemand besser als Kost, sind Andersdenkende wichtig und wertvoll. Sie stören zwar die Routine, handkehrum bringen sie mit ihren Ansichten und unbelasteten Nachfragen wertvolle Inputs ins Tagesgeschäft.

Eindrücke gewinnen und Erfahrungen sammeln
Was Kost als Mehrwert nutzt, ist Rico Roth für ein Selbstprojekt dienlich. Mit dem Ziel, dem geregelten Gang seines Broterwerbs zu entfliehen, den Blick über den Tellerrand zu heben und dadurch neue Eindrücke zu gewinnen und Erfahrungen zu sammeln, wie er sagt. «Die Wahl der Tätigkeiten war rein zufällig», so Roth weiter, einzige Bedingung: «Sie durften mit Musik und Schule nichts am Hut haben.» Kurz und gut: Er machte Nachtschicht als Gleisbauer bei der SBB, war als Strassenreiniger unterwegs oder mit einem Sportreporter vom SF, guckte einem Kinderarzt über die Schulter, wirkte einen Tag als Parkwächter im Nationalpark, tat eine Nacht lang Dienst bei der Kantonspolizei, half beim Frachttransport am Flughafen, stand einem Koch im Weg und bekam mit, was im Hotel Belvoir hinter den Kulissen abgeht. Das klingt im O-Ton dann folgendermassen.

Ein berührendes Erlebnis
«Der Hotelbetrieb ist ein Spannungsfeld, wie ich es sonst nirgends erlebt habe. Ein Spagat zwischen Eile und Perfektion. Zwischen Begeisterung und Gelassenheit. Zwischen Offenheit und Diskretion. Hinter der Küchentür und vor dem Gast. Und, so habe ich herausgefunden, es braucht einen speziellen Schlag von Menschen, die diesen Herausforderungen gewachsen sind.» Und weiter berichtet Roth: «Ich habe erlebt, was für ein Geruch einem beim Betreten eines gebrauchten Zimmers entgegenschlagen kann, und welch zufriedenstellendes Gefühl es ist, nach der Reinigung die letzten Falten auf der frischen Bettwäsche glattzustreichen, um das Zimmer dem nächsten Gast übergeben zu können. Es war ein berührendes Erlebnis, den Kellner zu beobachten, wie er in seiner eleganten Kleidung für das Wohl des Gastes sorgte, und ihm die Komplimente für gelungenes Essen und zuvorkommenden Service ein Lächeln auf das Gesicht zauberten.»

Souveräne Professionalität
Rico Roth hat bei seinem Schnuppertag aber auch bemerkt, wie komplex das Führen eines Hotels ist. Wie fragil das Zusammenwirken der einzelnen Disziplinen ist und dass die Ordnung dahinter unmöglich in nur einem Tag erfasst werden kann. «Besonders beeindruckt hat mich die souveräne Professionalität der Mitarbeitenden und deren Detailverliebtheit. Trotz der permanenten Hektik hatten zudem alle ein herzliches Lächeln für mich oder ein aufmunterndes Wort. Egal wo ich war, was ich gerade tat, Wohlwollen in jedem Moment. Jede und jeder nahm sich Zeit für mich, obschon eigentlich gar niemand Zeit hatte.»

«Dieses Echo war wunderbar wohltuend und enorm wertvoll.»

Was für Daniel Kost und sein Team zum Tagesgeschäft gehört, lernte Roth während einiger Stunden am eigenen Leib kennen. Der Zeitdruck ist enorm in einem Hotel, Unvorhergesehenes ist an der Tagesordnung und den Wünschen und Bedürfnissen der Gäste gerecht zu werden erfordert viel Organisation und hohe Flexibilität. «In der Praxis behilft sich die Branche, was die Verbesserung von Restaurant- und Hotelleistungen betrifft, mit einem Gästefragebogen. Wir haben es diesmal anders gemacht», so Kost, «haben einen Gast hinter die Kulisse blicken lassen und als Gegengabe von ihm erfahren, wie er uns Menschen wahrgenommen hat. Dieses Echo war wunderbar wohltuend und enorm wertvoll.»

Demut und Dankbarkeit
Die Hotellerie ist überteuert und die Gäste sind notorische Nörgler. Klischee oder Wahrheit? Ob wahr oder nicht, ist oft eine Frage des Standpunktes. Oder der aktuellen Stimmung. Vielleicht aber sollte man das, was Kost und Roth taten, öfter tun. Nämlich offen sein für Neues, den Blick über den Tellerrand wagen, einander zuhören, voneinander lernen und daran arbeiten, den Blick für das Ganze zu bekommen. Roth sagt es treffend: «Die Einblicke in diese so unterschiedlichen Berufe halfen mir, meine eigenen Tätigkeiten besser einordnen und letztlich auch besser ausführen zu können. Ich habe in den vergangenen Monaten jede Menge Neues gelernt und spüre auch Demut und Dankbarkeit gegenüber all den Leuten, die mir diese Möglichkeiten boten.»

  • Karine & Oliver
  • Urs Blöchliger
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