11. September 2007
Die Stadt meiner Jugend

Mein Zürich

Der Fotojournalist Alberto Venzago wohnt hauptsächlich in Hotels. Auf allen Kontinenten. Doch die zwei Monate Zürich pro Jahr sind ihm heilig. Eine Liebeserklärung eines Stadtwanderers, der mit seiner Leica seine Geburtsstadt neu entdeckte.

Beim Landeanflug wird’s mir wohl. Der vertraute Blick zum Fenster raus. Alles noch da. Wie auf einer Ansichtskarte taucht der See auf, die grünen Hügel, die sanften Berge dahinter und am Horizont schneebedeckte Viertausender. Alles zum Greifen nah. Und alles in einem feinen Morgennebel eingehüllt. Verhüllt für den gemeinen Reisenden. Das perfekte Klischee. Kühe weiden, blaue Busse fahren durch saftige Wiesenhaine. Das ist sie also, die kleine Grossstadt im Land von Milch und Honig. Das Paradies. Zumindest mein Paradies.

Ein schlechter sich auflösender Traum
Zürich. Die Stadt, die mit derjenigen aus meiner Jugend nur noch den Namen gemeinsam hat. Die Bilder im Sucher meiner Leica sind vertraut und doch fremd. Letten und Needlepark existieren nur noch in der Erinnerung. Die Natur hat die hässlichen Narben verschwinden lassen. Auch die Seele hat verziehen. Nur noch ein schlechter sich auflösender Traum, wie ich nachts unter Hunderten von Fixern nach einer Freundin suche. Ausblenden. Magischer Wind lässt heute die Bäume im Landesmuseum-Park jetzt neue Geschichten spinnen. Eine Thai-Gruppe übt sich laut im Nahkampf. Liebespärchen liegen im Gras und klammern sich aneinander wie Ertrinkende. Die Limmat fliesst träge dahin. Uninteressiert an den Menschen und ihren Geschichten.

Kinder tummeln sich auf der Wiese
Ein paar Schritte weiter ein letztes Aufbäumen der autonomen Szene, Graffiti, Geheimbotschaften mit Spraydosen provokativ auf ewig temporären Bauabschrankungen zeugen von einer Kreativität, die nur von den Insidern geschätzt wird. Oscar la mosca lässt grüssen. In der Bäckerallee, früher die Alkiszene, spielt heute eine indische Combo, alles nett, man sitzt auf Bänken und lauscht den Sithartönen. Kinder tummeln sich auf der Wiese, es werden alle Sprachen durcheinander gesprochen. Die Speisekarte könnte aus NY stammen. Organisiert vom Züri-Kulturaustausch.

Röntgenplatz im Kreis 5. Jetzt bin ich in Anatolien, eine Rentnerband spielt auf, das Quartier feiert sich selbst. Bier ist angesagt, Mode aus dem Versandhaus oder dem Brocki. Alles echt, auch das Lachen. Verhüllte Frauen sitzen vor den offen stehenden Treppenhäusern wie Hausbesetzer. Nur cooler. Kinder rennen rum, ja, Kinder. Und die vierzehnjährigen Teenies dürfen zum ersten Mal ihre H&M-Tops ausführen und müssen erst um Mitternacht zuhause sein.

Keine Kokslinien, alles clean
Im «Saint Germain», dem momentan hippsten Club an der Bahnhostrasse, stehen die Türsteher mit Knopf im Ohr schwarztuchig und breitbeinig da. Oben geht es artig zu und her. Die «beautiful kids» haben ihre Schuhe ausgezogen und versuchen cool auszusehen, die Jungs sind eine Kopie ihrer Väter. Goldküsten-Groove, man mustert mit Kennerblick die Neueinkäufe des Nachmittags. Gucci, Prada. Ich geh aufs Klo. Keine Kokslinien, alles clean. Oder hat sich mein Instinkt verändert? Das «Roxy» aus den Siebzigerjahren lässt grüssen, damals wussten wir selten, wie wir nach Hause gekommen sind. Es regnet. Eine Amerikanerin spricht mit ihrem Hund vor dem «English bookshop», auf Englisch. Der Labrador trägt einen Kaschmirpullover.

Die Bahnhofstrasse. James Joyce rief noch auf zum fröhlichen Mittagessen ohne Teller, direkt ab dem teuren Pflaster. So sauber sei es hier. Tempi passati. Sie verkommt immer mehr zur Hure, zur Einkaufspromenade der Verhüllten. Verhüllt sind auch viele Fassaden der Modeboutiquen, alles wird neu, schöner und teurer. Und doch, wie damals, stehen Börsenprofis im Ruhestand vor dem UBS-Schaufenster und diskutieren die Börsenkurse. Keiner drängelt.

Der Vierer, Zürich spannendstes Tram, bringt mich nach Hause. Die Namen der Endstationen der Strassenbahnen zeigen was vom wahren Charakter der Zürcher. Morgenthal, Klösterli, Rebhüsli, Dunkelhölzli, Rehalp. Reiht man all die Stationsnamen wie Perlen auf eine Schnur, erhält man ein Zürich, das exotischer nicht sein könnte. Kein Wunder, finden die Deutschen uns einfach herzig.

Im Vierer. So viel Selbstvertrauen wie hier drin hab ich nicht mal in Schanghai angetroffen, so viele lachende Menschen kaum in Tel Aviv. Obwohl die Kleinstadt einwohnermässig kleiner geworden ist, ist sie weltoffen und kosmopolitisch.

Ich sitze im Kino und freue mich auf den neuen Hollywood-Streifen Er wird schon hier in Zürich gezeigt, früher als in Paris oder in Berlin. Im Original. Ich kenn die Stimme von Robert de Niro, nicht von seinem Synchronsprecher. Heute Abend musiziert James Levine mit dem Boston Symphony Orchestra, morgen Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern, alle Jazzgrössen mögen hier auftreten. Auch mal in kleinen Clubs, halt wie früher, als alles noch Spass gemacht hat. Eben, weil alles so klein und überschaubar ist. Sushi, Chicken Tikka, Polenta, Green Curry, Berbère, alles Namen, die wie Fondue und Raclette schon zum Sprachgebrauch der Kleinsten gehören.

Und natürlich hats die schönsten Frauen der Welt hier. Schon klar, dass sie sich vielleicht ein bisschen besser kleiden, der Mix von H&M und Gucci machts möglich, aber so offen wie hier findet man sie nirgends. Wieder lande ich frühmorgens im Unique. Diesmal aus dem Kongo. In 15 Minuten sitze ich in meiner Badewanne. Das heisse Wasser ist wirklich heiss, die Toilette funktioniert. Ja, sogar mit Trinkwasser. Fast schäme ich mich dafür. Welcher Luxus nach den anstrengenden Wochen.

Street Parade 2010

250 Stutz pro Pflanze
Erst jetzt bemerke ich, dass irgendetwas mit der Wohnung nicht stimmt. Auf meiner Terrasse wurde eingebrochen. Meine wunderbaren Marihuana-Sträucher (Edelmix aus Maui-Maui und Obertoggenburg) sind rüde am untersten Stängel abgebrochen worden. Entrüstet rufe ich die Polizei an, und in weniger als 10 Minuten stehen die beiden in schmucken Uniformen auf meinem Dach. «Hmm, was für einen Wert haben denn die Pflanzen?» – «Das müsst ihr besser wissen, ihr arbeitet doch auf der Gasse» – «Also sagen wir 250 Stutz pro Pflanze.» Sie notieren den Fall. Um sechs erhalte ich einen Anruf vom Chef. Kreiswache. «Also, Herr Venzago, nur dass wir uns recht verstehen, die Pflanzen sind doch Zierpflanzen, nicht wahr?» – «Aber sicher.» Am nächsten Morgen ruf ich die Versicherung an. «Haha, ein schlechter Witz, dazu brauchen Sie einen Polizeirapport!» Einen Monat später waren die 1000 Franken auf meinem Konto.

Auch das ist Zürich. Im Herbst stehen Wahlen an, die Graffitiwände werden Politikerköpfen weichen. Und es wird verkündet werden, wie Zürich sicherer gemacht wird, weniger Ausländer haben soll, wieder schweizerischer werden soll. Das Rad zurückgedreht werden muss. Mir graut davor. Es erinnert mich an die Zeit, als das Beste an Zürich die elf Minuten zum Flughafen waren. Oder die letzten vier Buchstaben. RICH. Great! Nein bitte, alles soll ganz anders bleiben.

Zur Person
Alberto Venzago steht sowohl für Fotografie/Fotojournalismus als auch für Film, Bücher und Ausstellungen. Diverse internationale Auszeichnungen. Letzte Arbeiten: Buch und Film über Voodoo, «Mounted by the Gods»; dokumentarische Filmarbeit mit Wim Wenders im Kongo, «Die Unsichtbaren» (Berlinale 2007); April 2007 am Filmfestival Nyon Premiere des Dokumentarfilms «Mein Bruder – der Dirigent»; Januar 2008 in Berlin Weltpremiere der Roadmovies über die Berliner Philharmoniker.

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