Kaweco | Feuilleton | Magazin Zürich

26. April 2016
Im Reich der Träume

Reinstes Hollywood im Hirn

Die wahre Traumfabrik ist nicht in Kalifornien – sie ist in unserem Kopf. Und produziert dann auf Hochtouren, wenn wir schlafen.

Hin und wieder flirren Verrücktheiten nach, morgens, wenn wir die Augen aufschlagen. Dann empfiehlt es sich, sofort zum Stift zu greifen:

Es gibt einen Ort, an dem gute und böse Cowboys rittlings auf Stühlen reiten. Einen Ort, an dem es tagelang regnen kann, in Strömen, die Menschen aber keinesfalls in Pfützen schauen dürfen, weil sie sonst sofort zu Zombies werden. Einen Ort, an dem mein guter Freund Kusi ein riesiges, bunt gestochenes Weihnachtsbaum-Tattoo auf dem Rücken trägt. Die Rede ist vom Reich meiner Träume – dem Kosmos in meinem Kopf … Und, ja, auch in Ihren Gehirnwindungen findet sich eine Gegend, in der sich viele verrückte Dinge zutragen – immer dann, wenn Sie in die so genannten REM-Schlafphasen abtauchen und träumen (und manchmal vielleicht auch mitten am Tag, wenn Sie knallwach sind).

I’m dreaming that you and me
We are two lonely cowboys
Lost in the shadow of paradise
Lost in a city´s prairie.

Das allermeiste, was im Wunderreich der Träume geschieht, bleibt auch dort. Das ist wie in Vegas. Aber hin und wieder passiert’s: Man wacht auf und weiss noch irgendwie … man weiss noch irgendwas. Dann sollte man sehr schnell sein und gegen das Vergessen anschreiben, die Fragmente und Traumfetzen in die wache Welt rüberretten und aufs Papier kratzen. Warum? Nun, es heisst, dass wir damit unser Gedächtnis trainieren. Dass so ein Traumtagebuch eine unglaubliche Quelle der Einsicht sei, ein Schlüsselwerk zur inneren Welt, zu unserem Unbewussten, das uns hin und wieder Wichtiges zu sagen hat.

Suddenly, we are between the devil
And the deep blue sea
Riding wildly through a dualistic land
Where all the Gods and all the people
Bless the simplicity of black and white.

All right, you say
And so, we are playing the marmoreal chess of life
Smokin’ Marlboro and drinkin’ beer
Shure, we both lose and win at the same time
But with broken wings
Being wasted angels
We smell the fire of eternal desire
Revenge, in human hell.

Ich bin überzeugt, dass ein Traumtagebuch eine gute Sache ist. Dass man sich durch das Notierte auch ein Stück weit reflektiert, die vollgeschriebene Seite plötzlich zum Spiegel wird, in dem man etwas Neues an und über sich selbst entdecken kann. Aber für mich ist das Erinnern von Träumen auch deshalb sehr reizvoll, weil sich nirgendwo verrückterer Stoff finden lässt. Shakespeare sagte ja eigentlich: „Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind, und unser kleines Leben ist von einem Schlaf umringt..“ Ich denke zudem: In unseren Träumen schlummert der Stoff für kreatives Schaffen. Wahnsinns-Treibstoff, quasi.

If I kill what you stand for
If I torture your king and queen
Your farmers and runners
Your horses and your honor
T
hen I’ll be free of reflection
I won’t hear your objection
Anymore
And I’ll be finally able to keep
Silent myself
I’ll get rid of all these painful voices
Inside of me
That tell me to be wrong in what I do
That tell me the grilling truth,
Burned in in a deeper understanding
That no borderlines exist
That we are all good and bad boys and girls
At the same time
That all of us are killers, sinners, creators, spectators,
Lonesome Lucky Lukes,
We are dead James Dean himself
Cause we all are actors
Dying every single day on stage
For nothing more than fly by night attention
Sometimes far away from home
Somewhere lost in scenarios and fights
We do not even understand
But we all say and play
What someone or something bigger
Has written down for us
In our DNAs and scripts of life.

Nehmen wir dieses Cowboy-Gedicht … Es wäre nicht entstanden, hätte ich nicht vor einigen Jahren nach dem Aufwachen sogleich notiert, was meine Hollywood-Fraktion im Hirn während des Schlafes abgedreht hat: tatsächlich eine wilde Story, bei der die Cowboys nicht nur rittlings auf Stühlen durch den Winterthurer Stadtpark galoppiert sind (was übrigens zum Schreien komisch aussah), sondern dann auch noch Bier trinkend und rauchend gegeneinander Schach gespielt haben. Und jedes Mal, wenn einer der beiden eine Figur des anderen vom Brett gewischt hat, ist auch irgendwo im Park ein Mensch „gefallen“. Das klingt jetzt brutal. Aber als dann einer von beiden die Partie gewann, wischte der andere die verbleibenden Figuren vom Brett … Kaum hatten auch sie den Boden berührt, sprangen alle 32 Figuren zurück auf ihre Felder – Special Effects, genau! Und auch die gefallenen Menschen erhoben sich. Das Spiel begann von neuem.

We are green and naive
We believe ourselves to be players
To be hand and brain
In our dualistic game
And nobody and no soul understands
That we ourselves are the chessmen
Moving from C5 to wherever
Never turning into something bigger.

Über diesen Traum mit seinem Gut und Böse, dem simplifizierten Schwarz und Weiss, der Macht und der Ohnmacht, habe ich noch lange nachgedacht. Irgendwann ist dann das Gedicht entstanden, und eigentlich wollte ich noch mehr draus machen, viel mehr: einen Kurzfilm drehen. Auch, weil ich einfach zu gern gesehen hätte, wie zwei Cowboys auf Klappstühlen durch den Stadtpark galoppieren und sich dann im Schach duellieren. Nun, daraus ist nichts geworden … Aber jetzt ist zusätzlich zum Gedicht dieser Text entstanden, zehn Jahre später. Und wer weiss, was noch alles in und mit dem passiert, was Ihnen Ihr internes Hollywood zuspielt.

Gönnen Sie Ihren Träumen ein Nachklingen.
Schreiben Sie sie auf. Direkt nach dem Aufwachen.
Und lassen Sie sich von Ihrem Unbewussten inspirieren.

Text: Andrea Keller | Fotografie: Unsplash

Dieser Text wurde zwar am Computer geschrieben, hat aber Hand und Hintergrund, basiert auf der Freude am handschriftlichen Schreiben. Er wurde im Auftrag von Kaweco verfasst, dem Hersteller von Schreibgeräten (seit 1883).

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