Urs Blöchliger | Publizist | Magazin Zürich

30. Juli 2020
Etwas Philosophie und Lebensweisheit

Was das Hotel Walther mit Goethe zu tun hat

Auf den ersten Blick quasi nichts. Auf den Zweiten mehr, als manch einer denkt. Hier steht, wie das geht:

Des Verseschmiedes Rückzugsort mit einer der ersten Adressen in Pontresina vergleichen zu wollen, ist Unfug. Das ist jedem klar. Darum geht es hier nicht. Es geht darum, Gemeinsamkeiten hervorzuheben. Berührungspunkte herauszustreichen. Um deutlich zu machen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Nämlich einen Ort zu haben, wo einem das Herz aufgeht, wo das Auge verwöhnt wird, der Puls reduziert, blankliegende Nerven in Watte verpackt und die angeknackste Seele therapiert.

Goethe fand, so weiss der, der recherchiert hat, diesen besonderen Ort in seinem Gartenhaus in Weimar. Wo er 1827, offensichtlich tiefenentspannt und mit sich eins, das Gedicht «Erinnerungen» schrieb:

Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
Denn das Glück ist immer da.

«Erinnerungen» ist ein Alterswerk des Dichters. Vermutlich war er des Schweifens müde und musste sich selbst eingestehen, dass Sturm und Drang nicht alles ist. Dass Glück und innere Zufriedenheit nur findet, wer innehält und mit Achtsamkeit durchs Leben geht.

Jetzt in meinen Worten: Von einem Turm aus oder einem Gipfel lässt sich besonders gut in die Ferne gucken. Das ist gut. Weniger gut ist: Das Naheliegende gerät dabei allzu leicht aus dem Blickfeld. Und, läuft’s ganz dumm, übersehen wir, quasi mit offenen Augen, welche Kostbarkeiten zu unseren Füssen liegen.

Hinkommen und gleichzeitig ankommen
Schon klar, um den Bogen jetzt rund zu machen, das Hotel Walther liegt nicht zu unseren Füssen. Sprich, vor der Haustür. Gemessen an den Distanzen, die unsereins sonst für jeden Schnickschnack in Kauf nimmt, hingegen schon. Und darum durchaus ein denkbarer Grund, warum man dort hin soll. Der wahrhaftige Grund jedoch ist: Es ist ein Ort, der auch in der x-ten Wiederholung nichts von seinem grossen Zauber verliert. Will heissen: Wo du hinkommst und gleichzeitig ankommst. Zum einen an einem phantastischen Flecken Erde, zum anderen in dir selber.

Das unbezahlbare Gefühl, sich selbst zu sein
Letzteres hängt vermutlich damit zusammen, dass man, als in der Nähe einer Grossstadt lebender Mensch, wenn man in die Berge und ins Hotel Walther fährt, erkennt, dass beinahe alles, was einem daheim lieb und teuer ist, hier nicht benötigt wird. Weil es überflüssig ist, da hier andere Regeln gelten und die Uhren langsamer ticken. Sprich, die Prioritäten anders liegen. Weil hier oben das unbezahlbare Gefühl, sich selbst zu sein , im Mittelpunkt steht.

Worauf ich hinauswill: Dieses Loslassen oder Abkoppeln ist generell eine feine Sache. Vergleichbar mit einer Ballonfahrt, wo auch nur an Höhe gewinnt, wer Ballast abwirft. Vielleicht, und sei es nur um diesen philosophischen Gedanken weiterzuspinnen, geht es im Leben auch gar nicht darum, irgend etwas zu werden. Vielleicht geht es alleinig darum, alles abzuwerfen, was wir nicht sind. So, dass wir sein können, was wir sind. Um damit der Leichtigkeit des Seins auf die Schliche zu kommen. Oder sie wiederzuentdecken.

Jedem sein Zuhause zum Durchatmen inmitten der Natur
Wie dem auch sei. Für den Mann der Feder war es das Gartenhäuschen in Weimar. Für mich ist es das Hotel Walther in Pontresina. Jedem sein Zuhause zum Durchatmen inmitten der Natur. Und eigentlich, logisch, hatten wir nie miteinander zu tun. Aber nur eigentlich. Denn ganz eigentlich spielen wir uns in diesem Fall gegenseitig die Karten in die Hand.

Text: Urs Blöchliger | Fotografie: Fredy Tschui

Wenn ich es geschafft habe, Ihnen mit diesen Zeilen einen Floh ins Ohr zu setzen, oder einen Gedanken in den Kopf, dann soll letzterer vielleicht drinbleiben.

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