Christian Jott Jenny

18. November 2015
Leo Wundergut

Der Tenor des Papstes

In Berlin schon länger bekannt, ist Leo Wundergut diesen Frühling ins Rampenlicht seiner Heimatstadt getreten. Der Meistersänger, der auch vor dem Papst auftritt, hat Zürich viel zu verdanken. «Am Weekend bin ich für ein Wundergut-Konzert nach Berlin geflogen», lassen Trendsetter im Partygespräch schon mal fallen. Und mindestens ein Zürcher Gesellschaftsreporter und eine Klatschkolumnistin waren sogar in New York dabei: «Legendärer Carnegie-Hall-Auftritt.»

Normalverbrauchern ist dieser Leo Wundergut vor allem durch ein ganzseitiges Inserat im «Tages-Anzeiger» aufgefallen. Die grossflächige Ankündigung der Schweizer Stationen der Welttournee «Konjunk’Tour» zwang die Kulturfreunde, bei Google «Leo Wundergut» einzugeben. Die Fakten klingen verheissungsvoll:

In Berlin ausgebildeter Schweizer Meistertenor, weltweit konzertierend, Schubert-Spezialist, jedoch ohne Berührungsängste zwischen E- und U-Musik wechselnd; befreundet mit Grössen wie René Kollo, Hazy Osterwald, Max Raabe, George Gruntz; legendär für intime Auftritte in allen grossen Luxushotels der Welt, neuerdings auch Leader des Staatsorchesters Kur und Bad. Doch weshalb sollte so einer die Zürcher Szene interessieren? Besonders wenn ältliche Reporterinnen über ihn schwärmen: «Eine aussterbende Spezies; ein Mann, Mensch und Musikus, wie sie nur noch rar zu finden sind.»

Weshalb lockt so einer Armani-Jeans-Träger, Werberinnen und Cüpli-Sozialisten in die Tonhalle? Warum titelt der Tagi «Pavarotti für Trendbewusste»? Der Besuch des Privatkonzerts zu Playboy Gunther Sachs’ Geburtstag in St. Moritz sowie das anschliessende Interview liefern die Antwort umgehend. Leo Wundergut, dessen geheim gehaltenes Alter irgendwo um die 30 liegen muss, bewegt sich auf höchstem Parkett, tut dies aber in erfrischend trendiger Weise. Er kokettiert zwar mit «So bin ich einfach», doch die blütenweissen Anzüge, die übergrossen Brillen und das gelegentliche Reisen im Rolls-Royce (oder gar im von befreundeten Stars oder Mäzenen zur Verfügung gestellten Privatjet) sind durchaus Kalkül. Mit dem etwas schrägen Elton-John/Dean-Martin-Image macht er sich fürs Trendpublikum attraktiv. Ein grosser Konzertveranstalter hinter vorgehaltener Hand: «Damit hat Wundergut nicht nur das klassische Publikum, sondern rund doppelt so viele potenzielle Konzertbesucher jüngerer Schichten.»

Ein Auftritt vor Papst Benedikt
Wegen der leichten Exzentrik ist Wundergut beliebter Gast in TV-Shows. Bei Star-TV inszenierte er sich eine Stunde lang auf unterhaltendste Weise. Sein Zürcher Büro wurde danach mit Anfragen überhäuft. Das Namedropping, das Wundergut bei solchen Gelegenheiten pflegt, ist übrigens nicht aufgesetzt. Er ist bestens vernetzt – gerade in Zürich. Er performt bei FIFA-Boss Sepp Blatter, ist mit dem Stadtpräsidenten per Du, hat sogar schon Regierungspräsident Markus Notter ein Ständchen gebracht. Wundergut, der Spross einer verarmten Zürichbergfamilie, bewegt sich seit Sängerknabenzeiten durch die Zürcher Nomenklatura wie ein Fisch durch den Zürichsee. Frühe Förderin war eine der traditionsreichsten Familien der Stadt, die Bankiers Vontobel mit ihrer Stiftung. Eine Sprecherin: «Sein Talent beeindruckte uns von früh auf, weshalb die Stiftung die klassische Ausbildung an der Berliner Hochschule für Musik ermöglichte.» Ein lohnendes Investment. Wundergut hat seinen Weg gemacht. Neben der Welttournee war der Höhepunkt dieses Jahres ein Auftritt vor Papst Benedikt in der Kapelle San Pietro in Rom.

Ein lohnendes Investment. Wundergut hat seinen Weg gemacht.

Konzeptkünstler und Opernsänger
Was dem Kirchenoberhaupt gefällt, gefällt auch dem Zürcher Publikum: die schönsten Lieder aus Klassik und 20. Jahrhundert (Max-Raabe-Stil), auf höchstem Niveau gesungen, mit einem Augenzwinkern und viel Humor richtig unterhaltend präsentiert. Wundergut ist eben vor allem auch Entertainer. Dazu gehören Legenden. Wie die, dass der Zürihegel vor der Opernsänger- Ausbildung eine Lehre bei der CS absolviert habe und in seiner New Yorker Zeit bei Lehman Bros. als Investmentbanker tätig gewesen sei. Wahr ist hingegen, dass vor allem die Bank Vontobel mit ihrer Förderstiftung eine Schlüsselrolle in Wunderguts Karriere spielt. Leo Wundergut ist im richtigen Leben Christian Jott Jenny, Zürcher Konzeptkünstler und Opernsänger. Die «Konjunk’Tour» ist seine aktuelle Tournee. Wundergut und Jenny sind zumeist deckungsgleich. Jenny ist, selbst im Interview, nur schwer zu fassen. Auch das gehört zum unverwechselbaren Stil des «Gesellschaftstenors». Seine Leidenschaft aber lässt sich rasch begreifen – an seinen aussergewöhnlichen Auftritten.

  • Matthias Heyde

  • Bernhard Sutter

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