Magazin Zürich

4. September 2018
Konstruktive Kritik tut gut, finde ich

Im Tessin steckt grosses Potenzial

Einst zwang Armut Kinder des Tessins, fern der Heimat als Kaminkehrer zu schuften. Lisa Tetzner erzählt in ihrem 1940 erschienenen Roman «Die schwarzen Brüder» eindrücklich davon. Heute, rund 150 Jahre später, ist das Tessin nicht mehr arm, aber auf dem Weg, es wieder zu werden.

Wenn täglich knapp 70’000 Grenzgänger ins Tessin einfallen, ist das eine unschöne Sache. Strassen werden verstopft, Löhne gedrückt und damit Einheimische aus dem Arbeitsmarkt verdrängt. Was, wen wundert’s, zu einem Abwehrreflex gegen den südlichen Nachbarn führt und alte Differenzen aufleben lässt. Wenn die Volksseele im Tessin also kocht und die Wut auf Bern ansteigt, weil die Angst vor verheerenden Zuständen zunimmt, ist das durchaus nachvollziehbar. Aber nur die halbe Wahrheit, finde ich.

Die zweite Seite der Medaille erzählt eine andere Geschichte. Die ist ebenfalls wahr und bedauerlicherweise hausgemacht. Im Tessin nämlich liegt vieles im Argen: Veraltete Strukturen, Lieblosigkeit, Desinteresse, Inkompetenz, Filz und unausgeglichenes Preisleistungsverhältnis sind so omnipräsent wie die unverfälschte und kraftvolle Natur. Ersteres hat mich stets zum Grübeln gebracht und zweites seit jeher fasziniert – ich habe einige Jahre meiner Kindheit und später viele Urlaubstage dort verbracht. Kann man sich an der grandiosen Landschaft kaum sattsehen, sucht man entgegenkommendes Verhalten und ein nettes Lächeln oft vergebens. Nicht, dass der Tessiner durchwegs unfreundlich ist, das wäre zu hart formuliert. «Abweisend» trifft den Nagel eher auf den Kopf. «Bequem» und «selbstgefällig» passen ebenfalls.

«Ersteres hat mich stets zum Grübeln gebracht und zweites seit jeher fasziniert.»

Das Publikum dazu hätten sie. Ein kauffreudiges dazu
Wo genau diese Eigenheiten ihren Ursprung haben, vermochte ich nie restlos zu ergründen. Ebenso wenig kann ich nachvollziehen, warum die Ticinesi ihre selbst- und von Hand produzierten Produkte – und die sind so zahlreich wie ihre bewaldeten und flussdurchzogenen Täler – nicht mit mehr Hingabe, Stolz und Ehrgeiz zu Geld machen. Das Publikum dazu hätten sie. Ein kauffreudiges dazu. Eines, das einem grazie, einem prego und einem freundlichen Lächeln zudem äusserst zugetan ist. Bedenkt man es richtig, kostet das alles nichts und ist dennoch die halbe Miete. Glückliche Gäste, liebe Freunde aus dem Tessin, gehen nach Hause und kommen gerne wieder. Mit Frankenstärke und wechselhaftem Wetter hat das wenig zu tun, mit beeindruckten und rundum zufriedenen Menschen hingehen schon.

  • Karine & Oliver
  • Urs Blöchliger
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