Gastro- und Weinprofi Markus Segmüller

5. Februar 2016
APROPOS GASTRONOMIE

Nur wegen des Etiketts

Wenn Gäste in unseren Weinkeller kommen, habe ich ein leichtes Spiel. Vor allem bei Männern, die mich mit stolzgeschwellter Brust darauf aufmerksam machen, dass wir ja den Sassicaia und Ornellaia haben. Zwei grossartige Weine – die aber leider zum Inbegriff von Hedonismus und «Was kostet die Welt» geworden sind.

Werde ich auf die Weine angesprochen, ist dies wie ein wunderbarer Steilpass. Sprich, der Wein verkauft sich, allein wegen des Etiketts, quasi von selbst. Ich muss lediglich die Kommunikation abwickeln und damit umgehen können, die nächsten Minuten zugeplappert zu werden. Wirklich anspruchsvoll ist das Ganze nicht. Reizvoller wird es dann, wenn sich ein Kunde nach einem Château Rayas erkundigt und von mir wissen will, ob der 1995er oder der 2003er zuerst getrunken werden sollte. Etikettentrinker zu verdammen und in die Schublade der Möchtegerne zu stecken ist jedoch nur halbwegs gerechtfertigt. Oftmals ist ein Etikett auch Sachzwang. Einen grossen Deal mit einem Kunden zu feiern geht mit einem Château Lynch Bages einfacher als mit einem Quilceda Creek – der vielleicht höchstbewertete Wein der Welt, aber unbekannt.

Die Wahrheit steckt im Wein selbst
Etikett, Bewertungen oder Empfehlungen hin oder her, Frauen gehen damit gemeinhin unvoreingenommener und direkter um als Männer. Sie drücken geradeaus das aus, was Sache ist. Es zählt allein, ob der Wein schmeckt oder nicht, ohne Rücksicht auf Herkunft und Preis. Ich kratze dabei nicht subjektiv an einer Männerdomäne: es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Frauen auf sensorische Unterschiede sensibler und genauer reagieren. Im Service hören wir oft: «Mein Mann sucht den Wein aus – er ist nämlich ein Kenner.» Wenn das Etikett ansprechend aussieht und der Name dazu noch verheissungsvoll klingt, ist der Wein so gut wie verkauft. Die Wahrheit steckt dagegen im Wein selbst, und den können Frauen tatsächlich besser beurteilen.

Über den Autor
Markus Segmüller besitzt mit seiner Frau Daniela seit Juni 1999 die Carlton Zürich AG.
In seinen Kolumnen schreibt der Gastronom über dies und das aus der Szene – quasi aus der ersten Reihe.

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