Magazin Zürich

2. Dezember 2008
EDITORIAL

Weder Wind noch Schneegestöber

Imposant, wie er da oben stand und mit freundlicher Strenge den Trubel unter sich auf der Langstrasse beobachtete. Weder Wind noch Schneegestöber konnten ihm etwas anhaben, und seine rote Kutte mit den schwarzen Handschuhen und schweren Stiefeln bezauberten mein Kinderherz gehörig.

Ganz genau erinnere ich mich an diesen Samichlaus – er hat sich über all die Jahre in meinen Gedanken festgekrallt. Damals wohnte ich zeitweise bei meiner Grossmutter an der Rolandstrasse; und gleich links um die Ecke war das Schuhhaus Csuka. Mitte der 60er-Jahre liess der damalige Inhaber – zu Werbezwecken und zur Freude aller Kinder – auf dem Vordach ebendiesen Samichlaus aufstellen.

Mein Freund, der Plastikmannsgöggel
Diese Eindrücke sind über vierzig Jahre alt, und ich stelle hier die Behauptung auf, dass mir dieser witzige Plastikmannsgöggel eine wichtige Orientierungshilfe war. Er symbolisierte für mich das Gute, und gleichzeitig war er für mich so etwas wie eine Uhr, nach der ich meine simple Kinderzeit richten konnte. Ich freute mich immer darauf, wenn er Ende November wieder an seinem Platz auf dem Vordach angebracht wurde. Dann war für mich die Welt in Ordnung, und ich wusste tief in mir drinnen, jetzt kann nichts mehr schiefgehen, alles wird gut …

«Zu Werbezwecken und zur Freude aller Kinder.»

Wir alle haben solche Bilder im Kopf. Sie stehen als Synonym für Erfahrenes und Gelerntes. Sie dienen zur Orientierung im Alltag und vermitteln uns ein kleines Stück Sicherheit. Gewollt und ungewollt tauchen sie auf, verbinden Vergangenes und Gegenwärtiges, weisen rätselhaft auf Künftiges, tauchen wieder ab, zerrinnen oder wirken weiter. Sollten wir dieses unerschöpfliche Bildarchiv nicht kultivieren und dabei Kinderfantasien bewusst mit aktuellen Impressionen verknüpfen? Zwar kann ich nicht dafür bürgen, dass Sie dabei nur aufbauende Bilder abspeichern werden, und trotzdem ist es dieser Vorgang, welcher unsere eigenen Welten immerfort emotionalisiert und stimuliert. Ich denke, es kann sich lohnen, darüber nachzusinnen.

Weihnachten steht vor der Tür, und dabei spielt kindliche Fantasie die zentrale Rolle. Wenn ich Sie dafür sensibilisieren konnte, dann ist das Ihr schönstes Geschenk an mich. Ein weiteres tolles Geschenk ist, wenn wir es schaffen, Sie mit unseren Beiträgen zu begeistern, und Sie das Schöngeistige darin entdecken können.

  • Karine & Oliver
  • Urs Blöchliger
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